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Rational Choice

Zuletzt aktualisiert: 3. April 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Inhaltsverzeichnis

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  • Rationale Kriminalitätstheorien
  • Kontext der rationalen Kriminalitätstheorien
  • Vergleich zentraler rationaler Kriminalitätstheorien
  • Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären rationale Kriminalitätstheorien?

Rationale Kriminalitätstheorien

Kernidee rationaler KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären.

KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. entsteht, wenn der erwartete Nutzen einer Straftat die erwarteten Kosten übersteigt. Täter treffen Entscheidungen daher häufig unter Berücksichtigung von Risiken, möglichen Gewinnen und situativen Gelegenheiten.

Rationale Kriminalitätstheorien gehen davon aus, dass kriminelles Verhalten das Ergebnis bewusster Entscheidungen ist. Menschen handeln demnach nicht ausschließlich aufgrund sozialer Zwänge, biologischer Dispositionen oder struktureller Ursachen, sondern treffen – zumindest teilweise – rationale Entscheidungen über ihr Verhalten. Rationale Theorien stehen damit teilweise im Gegensatz zu Kontrolltheorien.

Im Mittelpunkt steht dabei die Annahme, dass potenzielle Täter Nutzen, Risiken und Aufwand einer Handlung gegeneinander abwägen.

Kriminalität erscheint aus rationaler Perspektive als Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Abwägung: Menschen begehen Straftaten dann, wenn sie sich davon einen höheren Nutzen versprechen als von normkonformem Verhalten.

Rationale Kriminalitätstheorien konzentrieren sich daher weniger auf die Persönlichkeit oder Biografie des Täters als auf die Entscheidungssituation, in der eine Straftat begangen wird. In diesem Sinne gelten sie als tatorientierte Ansätze der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., während viele ätiologische Theorien stärker auf die Ursachen von Kriminalität im Individuum oder in sozialen Strukturen fokussieren.

Kontext der rationalen Kriminalitätstheorien

Die Wurzeln rationaler Kriminalitätstheorien reichen bis in die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück. Die sogenannte Klassische Schule der Kriminologie stellte erstmals den rational handelnden Menschen in den Mittelpunkt kriminalpolitischer Überlegungen.

Cesare Beccaria und Jeremy Bentham gingen davon aus, dass Menschen grundsätzlich vernunftbegabte Akteure sind, die ihr Handeln an Nutzen und Schaden ausrichten. Kriminalität könne daher vor allem durch ein gerechtes und kalkulierbares Strafsystem kontrolliert werden. Entscheidend sei nicht die Härte der Strafe, sondern ihre SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. und Schnelligkeit.

Im 20. Jahrhundert wurden diese Ideen im Rahmen der sogenannten Rational Choice Theory weiterentwickelt. Vertreter wie Derek Cornish und Ronald Clarke verbanden ökonomische Entscheidungsmodelle mit kriminologischen Fragestellungen und entwickelten daraus eine rationalistische Theorie kriminellen Handelns. Kriminalität wird hier als zweckrationales Verhalten verstanden, bei dem Täter Chancen, Risiken und mögliche Gewinne abwägen.

Ronald Clarke übertrug diese Perspektive zugleich stärker auf konkrete Handlungssituationen und entwickelte daraus den Ansatz der Situational Crime Prevention. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee, dass Kriminalität reduziert werden kann, wenn Tatgelegenheiten verändert, Risiken erhöht oder potenzielle Gewinne reduziert werden.

Parallel dazu entstanden kriminalpolitisch orientierte Ansätze wie die Abschreckungstheorien. Diese gehen davon aus, dass potenzielle Täter durch die Aussicht auf StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen. von Straftaten abgehalten werden können, sofern die Sanktionen als sicher, schnell und ausreichend schwer wahrgenommen werden.

Eine stärker situationsorientierte Perspektive bietet der Routine Activity Approach von Lawrence Cohen und Marcus Felson. Dieser Ansatz betont weniger die individuelle Kosten-Nutzen-Abwägung, sondern die Bedeutung von Tatgelegenheiten. Kriminalität entsteht demnach dort, wo ein motivierter Täter, ein geeignetes Opfer und fehlende soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. aufeinandertreffen.

Eine weitere wichtige Erweiterung dieser situativen Perspektive stellt die Crime Pattern Theory von Paul J. Brantingham und Patricia L. Brantingham dar. Dieser Ansatz betont die räumliche Organisation von Tatgelegenheiten. Straftaten entstehen demnach häufig entlang der alltäglichen Bewegungsmuster von Menschen – etwa zwischen Wohnort, Arbeitsplatz oder Freizeitorten. Die Crime Pattern Theory verbindet damit Überlegungen der Routine Activity Theory mit einer stärker räumlich orientierten Perspektive und gehört zu den zentralen Ansätzen der Environmental CriminologyEnvironmental Criminology untersucht, wie räumliche Strukturen, Alltagsroutinen und Umweltbedingungen die Entstehung von Kriminalität beeinflussen..

Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie Kriminalität nicht primär durch individuelle Defekte oder soziale Pathologien erklären, sondern durch Entscheidungsprozesse und Handlungssituationen, in denen Straftaten begangen werden.

Neuere Ansätze verbinden diese situative Perspektive mit entwicklungs- und sozialisationstheoretischen Überlegungen. Ein Beispiel ist die Situational Action Theory von Per-Olof Wikström.

Wikström versteht Kriminalität als Ergebnis eines „Perception–Choice-Prozesses“, bei dem Individuen in konkreten Situationen moralische Handlungsoptionen wahrnehmen und zwischen ihnen wählen. Ob eine Straftat begangen wird, hängt demnach vom Zusammenspiel individueller moralischer Dispositionen und situativer Gelegenheiten ab. Der Ansatz verbindet damit rationalistische Entscheidungstheorien mit entwicklungs- und sozialisationstheoretischen Perspektiven.

Vergleich zentraler rationaler Kriminalitätstheorien

TheorieHauptvertreterZentrale AnnahmeFokus der ErklärungEbene der Erklärung
Klassische SchuleCesare Beccaria, Jeremy BenthamMenschen handeln rational und wägen Nutzen und Kosten ihrer Handlungen ab.Gestaltung eines gerechten und abschreckenden StrafsystemsStrafrecht / GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.
Rational Choice TheoryDerek Cornish, Ronald V. ClarkeTäter treffen zweckrationale Entscheidungen und berücksichtigen Risiken, Gewinne und Aufwand einer Straftat.Individueller EntscheidungsprozessIndividuum
AbschreckungstheorienBeccaria, Bentham, moderne Deterrence-ForschungKriminalität kann reduziert werden, wenn Strafen als sicher, schnell und ausreichend schwer wahrgenommen werden.Wirkung von SanktionenIndividuum / Strafsystem
Routine Activity ApproachLawrence Cohen, Marcus FelsonKriminalität entsteht, wenn motivierter Täter, geeignetes Opfer und fehlende soziale Kontrolle zusammentreffen.Situative TatgelegenheitenSituation
Situational Crime PreventionRonald V. ClarkeKriminalität kann reduziert werden, wenn Tatgelegenheiten erschwert, Risiken erhöht und Taterträge reduziert werden.PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. durch Veränderung von SituationenSituation / Prävention
Crime Pattern TheoryPaul J. Brantingham, Patricia L. BrantinghamStraftaten entstehen entlang räumlicher Bewegungsmuster des Alltagslebens und konzentrieren sich an bestimmten Orten.Räumliche OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. von TatgelegenheitenRaum
Situational Action TheoryPer-Olof H. WikströmKriminalität entsteht durch das Zusammenspiel individueller moralischer Dispositionen und situativer Gelegenheiten.Moralische Entscheidung im Perception-Choice-ProzessIndividuum + Situation

Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären rationale Kriminalitätstheorien?

Rationale Kriminalitätstheorien eignen sich besonders zur Erklärung von Delikten, bei denen Täter eine bewusste Entscheidung treffen und mögliche Risiken sowie Gewinne gegeneinander abwägen. Im Mittelpunkt stehen daher vor allem situative Gelegenheiten, Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Wahrscheinlichkeit von Entdeckung und Bestrafung.

  • Eigentumsdelikte: Diebstahl, Einbruch oder Betrug lassen sich häufig als opportunistische Entscheidungen verstehen, bei denen Täter günstige Gelegenheiten nutzen und Risiken möglichst gering halten.
  • Gelegenheitskriminalität: Viele Straftaten entstehen spontan in Situationen, in denen geeignete Tatgelegenheiten vorhanden sind und soziale Kontrolle fehlt. Der Routine Activity Approach erklärt insbesondere solche situativen Delikte.
  • Wirtschafts- und Organisationskriminalität: Auch in wirtschaftlichen Kontexten können illegale Handlungen aus rationaler Perspektive entstehen, wenn mögliche Gewinne hoch und Entdeckungsrisiken gering erscheinen.
  • Drogenhandel und organisierte Kriminalität: In illegalen Märkten kalkulieren Täter häufig strategisch Risiken, Gewinne und Strafandrohungen. Entscheidungen werden hier teilweise ähnlich getroffen wie in ökonomischen Märkten.
  • Alltagskriminalität im öffentlichen Raum: Viele Delikte entstehen dort, wo Tatgelegenheiten vorhanden sind und soziale Kontrolle schwach ist, etwa bei Vandalismus, Taschendiebstahl oder Ladendiebstahl.

Rationale Kriminalitätstheorien zeigen damit, dass Kriminalität häufig weniger durch stabile Eigenschaften von Personen als durch konkrete Entscheidungssituationen und vorhandene Tatgelegenheiten beeinflusst wird. Kriminalprävention setzt deshalb häufig an der Veränderung von Situationen an – etwa durch bessere Überwachung, Zugangskontrollen oder die Reduzierung krimineller Gelegenheiten. Diese Perspektive bildet die Grundlage vieler Ansätze der situativen KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren..


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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Abschreckungstheorien, Derek Cornish, Deterrence Theory, Klassische Schule der Kriminologie, Kosten Nutzen Abwägung, Kriminalitätstheorien, Lawrence Cohen, Markus Felson, Rational Choice Theory, Rationale Kriminalitätstheorien, Ronald V. Clarke, Routine Activity Approach, Situative Kriminalitätstheorien, Situative Kriminalprävention, Tatgelegenheit

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Lektionen

  • Klassische Kriminalitätstheorie
    Cesare Beccaria
  • Rational Choice Theory
    Derek B. Cornish & Ronald V. Clarke
  • Abschreckungstheorien
    Neoklassische Kriminologie
  • Routine Activity Approach
    Lawrence E. Cohen & Marcus Felson
  • Situational Crime Prevention
    Ronald V. Clarke
  • Crime Pattern Theory
    Brantingham & Brantingham
  • Situational Action Theory (SAT)
    Per-Olof H. Wikström
  • Quiz zu Rational Choice Theorien
    Interaktives Lernmodul

Übungsaufgaben

Klassische Schule der Kriminologie

  1. Was waren die zentralen kriminalpolitischen Forderungen von Cesare Beccaria?
  2. Was ist Benthams Panopticon im Unterschied zu herkömmlichen Gefängnissen?
  3. Aus was resultiert nach Beccaria und Co. Kriminalität?
  4. Wieso bezeichnet man die Klassische Kriminologie als „tatorientiert“ und was ist der entscheidende Unterschied zu ätiologischen Theorien der Kriminologie?
  5. Wie stark oder wie schwach ist die Orientierung des aktuell geltenden Strafrechts an der klassischen Schule im Vergleich zur Orientierung an der positivistisch-ätiologischen Schule?

Rational Choice

  1. Was sind die Grundannahmen des ökonomischen Ansatzes der rationalen Wahlhandlung und was ist unter dem Begriff „rationaler Akteur“ zu verstehen?
  2. Was ist – übertragen auf kriminelle Handlungen – unter Nutzen und Kosten einer Handlung zu verstehen bzw. welche Beispiele sind hier vorstellbar?
  3. Wo liegt die Verbindung zwischen der Klassischen Kriminalitätstheorie und der Theorie der rationalen Wahlhandlung?
  4. Was ist gemeint, wenn von einer Erweiterung des rational-choice-Ansatzes um soziale und psychologische Faktoren die Rede ist?
  5. Wieso ist der Erklärungsgehalt dieser erweiterten Fassung der rational choice theory sehr gering oder gar gleich null?

Abschreckungstheorien

  1. Was ist der Unterschied zwischen genereller und spezifischer Abschreckung?
  2. Auf welchen Theorien und Theoretikern basieren die Abschreckungstheorien?
  3. Was sind mögliche Folgen von Videoüberwachungen gut besuchter Orte?
  4. Welche Untersuchungen sowohl für als auch gegen die Annahme abschreckender Wirkungen von Todesstrafen lassen sich finden?
  5. Was verbirgt sich hinter den zur Abschreckung alternativen Konzepten „just deserts“, „retribution“ und „incapacitation“?

Routine Activity Approach

  1. Was sind die drei Elemente des routine activity approach und welche Beispiele lassen sich jeweils für sie finden?
  2. Was unterscheidet die situational crime prevention von anderen kriminalpolitischen Programmen?
  3. Was sind natürliche Strategien der situationalen Kriminalprävention?
  4. Welche Prozesse verbergen sich unter dem Sammelbegriff „Deliktsverlagerung“?
  5. Was sind die gemeinsamen theoretischen Stärken und Schwächen aller (neo-) klassischen Ansätze und worin liegen demnach die Grenzen abschreckender und situationaler Kriminalprävention?

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