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Cannabis zwischen Heilmittel, Werkstoff und Kriminalisierung – Eine kulturgeschichtliche Spurensuche

Kaum eine psychoaktive Substanz polarisiert so sehr wie Cannabis: Für die einen ist es ein gefährliches Rauschmittel, für die anderen ein bewährtes Naturheilmittel oder ein Lifestyle‑Produkt. Doch jenseits aktueller Debatten um Legalisierung und Konsumformen lohnt ein Blick zurück – auf die kulturelle, medizinische und politische Geschichte einer Pflanze, deren gesellschaftliche Bedeutung sich über Jahrtausende gewandelt hat.

Cannabis in Zahlen und Kultur

Die Relevanz von Cannabis spiegelt sich auch in den Konsumzahlen wider: Nach Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys 2021 konsumierten 8,8 % der Erwachsenen (18 – 64 Jahre) in Deutschland innerhalb eines Jahres Cannabis – hochgerechnet etwa 4,5 Millionen Menschen (IFT, 2023). Nur ein Bruchteil hiervon nutzt medizinisches Cannabis auf Rezept, die große Mehrheit bezieht die Substanz aus dem nicht-regulierten Bereich.

Cannabis ist damit die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland.

Auch jenseits epidemiologischer Studien zeigt sich die kulturelle Verankerung: In einer Auswertung von über 700 deutschen Rap-Songs mit Polizeibezug wurde Cannabis als am häufigsten erwähnte Droge identifiziert – deutlich häufiger als Kokain, Ecstasy oder Alkohol. Die Substanz fungiert dort zugleich als Konsumgut, Symbol für Rebellion und Ausdruck sozialer Zugehörigkeit.

Cannabis – eine Einführung

Cannabis Sativa nach Atlas des plantes de France. 1891

Amédée Masclef, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Begriff Cannabis bezeichnet sowohl die Hanfpflanze selbst als auch die daraus gewonnenen Produkte mit psychoaktiver Wirkung. Botanisch gehört Cannabis zur Familie der Cannabaceae. Es existieren mehrere Unterarten, vor allem Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis. Für medizinische und berauschende Zwecke wird fast ausschließlich die weibliche Blüte der Pflanze verwendet, da sie besonders reich an Cannabinoiden ist.

Die wichtigsten Wirkstoffe sind:

Die getrockneten Blüten werden meist als „Gras“ oder „Marihuana“ bezeichnet und traditionell geraucht, verdampft oder in Lebensmitteln konsumiert (Edibles). Haschisch wird aus dem Harz der Pflanze gepresst, während Öle und Extrakte durch technische Verfahren gewonnen werden – etwa für medizinische Anwendungen oder Vape-Pens. Je nach Form und Verarbeitungsgrad unterscheiden sich Wirkungseintritt, Intensität und Dauer deutlich.

Definition: Als Cannabis bezeichnet man sämtliche aus der Hanfpflanze gewonnenen Substanzen, die Cannabinoide enthalten. Die bekanntesten Formen sind Gras (Blüte), Haschisch (Harz) und Öle/Extrakte. Entscheidend für die Wirkung ist der Gehalt an THC und CBD.

Wirkung und Risiken

Die Wirkung von Cannabis ist abhängig von Dosis, Konsumform, individueller Empfänglichkeit und Setting. Zu den typischen Effekten gehören:

Cannabis-Blüte

Eine getrocknete Cannabis-Blüte
yogi Bushby, CC BY 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.5>, via Wikimedia Common

Obwohl Cannabis im Vergleich zu anderen Drogen ein geringeres physisches Abhängigkeitspotenzial besitzt, kann es bei regelmäßigem Konsum zu einer psychischen Abhängigkeit führen – insbesondere bei früh einsetzendem, hochdosiertem und habitualisiertem Konsum.

Das sogenannte Cannabisabhängigkeitssyndrom ist in der aktuellen ICD‑11 als eigenständige Diagnose unter dem Code 6C43.1 („Cannabis dependence“) klassifiziert. Es umfasst u. a. Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und Entzugssymptome wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit oder Appetitmangel (WHO, 2025). Studien zeigen, dass bei etwa 9–10 % der Cannabiskonsumierenden im Lebensverlauf eine Abhängigkeitsdiagnose gestellt werden kann – bei Jugendlichen steigt das Risiko auf bis zu 17 % (Lopez-Quintero et al., 2011).

Der Konsumbeginn im Jugendalter gilt dabei als besonders kritisch: Das menschliche Gehirn, insbesondere der präfrontale Cortex, entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter. Früher, intensiver Cannabiskonsum kann daher mit kognitiven Einschränkungen, Verringerung der Impulskontrolle und erhöhtem Psychoserisiko einhergehen (Volkow et al., 2014). Diese Risiken betreffen vor allem Sorten mit hohem THC-Gehalt und niedrigem CBD-Anteil (Di Forti et al., 2019).

Zudem gilt als wissenschaftlich gesichert, dass Cannabis psychotische Episoden auslösen oder bestehende psychische Störungen verstärken kann, insbesondere bei Personen mit einer genetischen oder familiären Prädisposition für Psychosen (Caspi et al., 2005; Di Forti et al., 2019; Murray et al., 2017).

Metaanalysen zeigen, dass regelmäßiger Konsum hochpotenter Sorten (THC > 15 %) das Risiko für psychotische Erkrankungen um das 2‑ bis 4‑Fache erhöht (Di Forti et al., 2019), wobei CBD-haltige Produkte einen protektiven Effekt haben können (Morgan & Curran, 2008).

Eine Auswertung der Plattform CannGo zeigt: Aktuell (Stand: November 2025) sind dort 1432 Cannabis-Sorten gelistet, die über Apotheken erhältlich sind. Nur 62 dieser Sorten weisen einen THC-Gehalt von maximal 15 % auf – also weniger als 5 % aller angebotenen Sorten. Der höchste dokumentierte Wert liegt bei 37 % THC – ein Potenzniveau, das weit über dem von früher üblichen Schwarzmarkt-Cannabis liegt und mit einem erhöhten psychotischen Risiko korreliert.

Viele Konsument:innen, die in der Vergangenheit Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben – etwa in den 1980er- oder 1990er-Jahren – sind heute überrascht von der deutlich gestiegenen Potenz moderner Sorten. Während frühere Produkte vom Schwarzmarkt häufig einen THC-Gehalt von unter 10 % aufwiesen, dominieren heute hochgezüchtete Blüten mit 20 % oder mehr. Diese Entwicklung birgt ein erhöhtes Risiko für unerwartet intensive Wirkungen – insbesondere bei Gelegenheitskonsum, Wiedereinstieg oder uninformierter Dosierung.

Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass eine tödliche Überdosierung von Cannabis nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand äußerst unwahrscheinlich ist. In der epidemiologischen Literatur sind keine Fälle dokumentiert, in denen ein Todesfall eindeutig auf eine Cannabisintoxikation zurückzuführen wäre (WHO, 2016: 19). Tierexperimentelle Studien deuten darauf hin, dass die letale Dosis beim Menschen zwischen 15 und 70 Gramm THC liegen müsste – also deutlich über der täglichen Konsummenge selbst schwerer Nutzer:innen (ebd.).

Ein zentraler Grund für diese vergleichsweise hohe Sicherheit liegt in der pharmakologischen Besonderheit, dass keine Cannabinoidrezeptoren im Hirnstamm lokalisiert sind – also in jenem Bereich, der für lebenswichtige Funktionen wie die Atemregulation zuständig ist (Iversen, 2012). Im Vergleich zu Opiaten, Alkohol oder synthetischen Drogen gilt Cannabis daher als substanztoxikologisch relativ sicher.

Cannabis und Schwarzmarkt

Weltweit ist Cannabis die am häufigsten konsumierte und zugleich illegalisierte Droge. Nach Schätzungen der UNODC (2023) nutzen mehr als 200 Millionen Menschen jährlich Cannabis oder 4,3 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung – trotz national unterschiedlicher Rechtslagen. In vielen Ländern werden große Teile des Marktes durch illegale Netzwerke bedient, was Produktqualität, Streckmittel und Reinheit unkontrollierbar macht.

In Deutschland variieren die Schwarzmarktpreise je nach Region, Qualität und Menge zwischen etwa 8 und 15 Euro pro Gramm. Laut EMCDDA lag der typische Straßenverkaufspreis für Cannabisblüten im Jahr 2021 in der EU bei 8 bis 12 Euro pro Gramm, bei einem durchschnittlichen THC-Gehalt von 7 bis 13 % (EMCDDA, 2023). Der illegale Handel belastet Justiz, Polizei und Gesundheitswesen und wird zunehmend als Argument für eine regulierte Abgabe ins Feld geführt. Der Schwarzmarkt ist zudem ein zentraler Ort von Kriminalisierung – insbesondere marginalisierter Gruppen.

Slangbegriffe für Cannabis:

  • Gras: umgangssprachlich für getrocknete Blüten
  • Weed: englischer Begriff, international verbreitet
  • Dope: veraltet, teils auch für andere Drogen genutzt
  • Ganja: aus dem Hindi, verbreitet in Reggae-Kultur
  • Mary Jane: spielerische Umdeutung („Marijuana“)
  • Skunk / Haze: Bezeichnungen für potente Sorten

Von der Nutzpflanze zum Rauschmittel

Die Nutzung von Cannabis hat eine jahrtausendealte Geschichte. Bereits vor rund 5000 Jahren wurde die Hanfpflanze in Zentralasien kultiviert – vor allem als Faserlieferant für Kleidung, Seile und Papier. Die psychoaktiven Wirkstoffe der Pflanze wurden vor allem in Indien, Persien und China für rituelle, medizinische und spirituelle Zwecke verwendet. Auch in afrikanischen, arabischen und indigenen Kulturen war Cannabis eng mit Heilritualen, spirituellen Praktiken und gemeinschaftlichem Konsum verbunden (vgl. Booth, 2003).

In Europa hingegen spielte Cannabis lange Zeit keine nennenswerte Rolle als Rauschmittel. Vielmehr wurde Hanf bis ins 19. Jahrhundert vorrangig als Werkstoff genutzt – etwa zur Herstellung von Segeltuch, Papier oder Textilien. Auch in den USA war Hanf bis ins frühe 20. Jahrhundert ein bedeutender Agrarrohstoff, bevor politische und wirtschaftliche Interessen die Weichen auf Verbots‑ und Kontrollpolitik stellten. Die Unterscheidung zwischen Industriehanf und psychoaktivem Cannabis wurde dabei gezielt verwischt (vgl. Barop, 2023).

Hinweis: Die Bezeichnung Hanf bezieht sich meist auf Sorten mit geringem THC‑Gehalt und industrieller Nutzung. Cannabis hingegen ist der gängige Begriff für psychoaktive Anwendungen der Pflanze.

Medizinische Nutzung: Alte Tradition – neue Akzeptanz

Schon in antiken Schriften werden medizinische Anwendungen von Cannabis beschrieben – etwa bei Schmerzen, Entzündungen, Epilepsie oder Geburtshilfe. In der arabischen, indischen und chinesischen Heilkunde war die Substanz über Jahrhunderte fest verankert. Auch im 19. Jahrhundert wurde Cannabis in Europa als Arzneimittel verwendet, etwa in Tinkturen, Ölen und Zäpfchen – bis es im Zuge wachsender internationaler Regulierungen sukzessive aus der Schulmedizin verschwand (vgl. Booth, 2003).

Erst in den letzten Jahrzehnten wurde das therapeutische Potenzial von Cannabis neu entdeckt. In Deutschland wurde 2017 mit dem Gesetz zur Versorgung mit Cannabis zu medizinischen Zwecken (MedCanG) ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der die Verschreibung unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Die aktuelle Evaluationsstudie EKOCAN weist jedoch auf strukturelle Defizite hin: vor allem in ländlichen Regionen berichten Patient:innen von Versorgungsengpässen, teils langen Wartezeiten und einem Rückzug telemedizinischer Angebote.

Die medizinische Nutzung steht seither in einem Spannungsfeld zwischen pharmakologischer Evidenz, politischen Interessen und gesellschaftlicher Akzeptanz – und zeigt, wie die Pflanze zwischen Heilmittel und Rauschmittel oszilliert.

Der Weg in die Illegalität

Die Kriminalisierung von Cannabis ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis gezielter politischer Kampagnen. Eine Schlüsselfigur dabei war Harry J. Anslinger, der erste Leiter des US‑amerikanischen Federal Bureau of Narcotics. In den 1930er Jahren lancierte er eine umfassende Anti‑Cannabis‑Kampagne, die die Substanz mit Gewalt, Wahnsinn und Kriminalität assoziierte – gestützt auf rassistische Ressentiments, mediale Panikmache (Reefer Madness) und wirtschaftliche Interessen.

Wie Helena Barop (2023) eindrucksvoll herausarbeitet, nutzte Anslinger das rhetorische Arsenal moralischer Empörung, um Cannabis symbolisch mit Minderheiten, Subkulturen und Delinquenz zu verknüpfen – ein klassischer Fall moralischer Definitionsmacht. In Howards S. Beckers Sinne lässt sich Anslinger als Prototyp eines Moralunternehmers verstehen, der soziale Normen aktiv konstruiert und durchsetzt.

Die Wirkung war durchschlagend: In den USA wurde Marihuana 1937 verboten, und internationale Normen wie das Einheits‑Übereinkommen über Suchtstoffe von 1961 legten den Weg zur globalen Ächtung. Auch in Deutschland war Cannabis bis zum Jahr 2024 größtenteils strikt geregelt – bis mit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) eine neue rechtliche Phase begann.

Die Rolle von Anslinger und die internationale Drogenpolitik stehen im Mittelpunkt von Teil 2 dieser Serie.

Freizeitkultur, Subkultur, Symbolpolitik

In breiteren Bevölkerungsschichten wurde Cannabis erst ab den 1960er Jahren populär – insbesondere in der Jugendkultur, in sozialen Bewegungen und später in der Popkultur. Seither ist Cannabis nicht nur eine Substanz, sondern ein Symbol: für Abweichung, Protest, aber auch für Genuss, Entspannung und Spiritualität.

In Deutschland blieb der rechtliche Umgang bis 2024 repressiv – obwohl der Freizeitkonsum weit verbreitet war. Mit Inkrafttreten des KCanG am 1. April 2024 begann eine neue Rechtslage: Erwachsene dürfen unter bestimmten Voraussetzungen privat bis zu 25 g Cannabis im öffentlichen Raum und bis zu 50 g im Privatraum besitzen sowie bis zu drei Pflanzen zum Eigenanbau halten. Zudem sind gemeinschaftlicher, nicht-gewerblicher Anbau in sog. Anbauvereinigungen (max. 500 Mitglieder) sowie Weitergabe unter strengen Auflagen erlaubt.

Mehr zur politischen Geschichte der Kriminalisierung und den Akteuren hinter der Prohibitionspolitik in Deutschland folgt in Teil 3 dieser Serie.

Beispiel: Der Cannabiskonsum ist ein klassischer Fall einer Norm mit geringer Geltungsreichweite. Obwohl gesetzlich verboten bzw. streng reguliert, wurde der Freizeitkonsum von vielen Tausenden Menschen praktiziert – ohne gesellschaftliche Ausgrenzung in breiten Schichten.

Erste Daten aus der EKOCAN-Studie zeigen jedoch: Die neue Gesetzeslage wird von Polizei, Justiz und Öffentlichkeit teils widersprüchlich interpretiert. Versorgungsengpässe, Rechtsunsicherheit und symbolische Kontrollpraktiken bleiben bestehen – was die These stützt, dass Entkriminalisierung allein noch keine soziale Normalisierung bedeutet.

Kriminologische Perspektiven auf Cannabiskonsum

Warum konsumieren Menschen Cannabis – trotz gesetzlicher Verbote, gesundheitlicher Risiken oder sozialer Sanktionen? Diese Frage lässt sich auch mit Theorien der Kriminologie beantworten. Unterschiedliche Ansätze liefern jeweils eigene Perspektiven auf Ursachen, Motive und gesellschaftliche Reaktionen im Kontext von Drogenkonsum:

Eine systematische Verbindung zwischen Cannabiskonsum, Devianztheorien und gesellschaftlicher Kontrolle liefern Justin Wheeldon und Jon Heidt in ihrem Buch Cannabis Criminology (2022). Dort analysiert er klassische und kritische Perspektiven auf die Pflanze, ihre Nutzer:innen und ihre Symbolkraft im Spannungsfeld von Moral, Gesetz und Popkultur.

Fazit: Eine Pflanze im Wandel der Zeiten

Die Geschichte von Cannabis ist ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen: von der Heil‑ und Nutzpflanze zur kriminalisierten Substanz, vom Werkstoff zum Genussmittel. Der Umgang mit Cannabis war nie rein medizinisch oder pharmakologisch begründet – sondern immer auch kulturell, politisch und moralisch aufgeladen.

Die aktuellen Regelungen mit dem KCanG markieren einen neuen rechtlichen Abschnitt in Deutschland. Doch die Debatten um Umsetzung, Versorgung, soziale Ungleichheit und Kontrolle bleiben zentral. In den kommenden Beiträgen dieser Serie wird es daher um politische Akteure, aktuelle Gesetzesinitiativen, medizinische Versorgungslücken und die Ästhetik des Konsums gehen.

Literatur