Kaum eine psychoaktive Substanz polarisiert so sehr wie CannabisCannabis ist eine psychoaktive Substanz, die aus den Blüten und Harzen der Hanfpflanze (Cannabis sativa, Cannabis indica) gewonnen wird. Es zählt zu den am weitesten verbreiteten illegalen Drogen weltweit.: Für die einen ist es ein gefährliches Rauschmittel, für die anderen ein bewährtes Naturheilmittel oder ein Lifestyle‑Produkt. Doch jenseits aktueller Debatten um Legalisierung und Konsumformen lohnt ein Blick zurück – auf die kulturelle, medizinische und politische Geschichte einer Pflanze, deren gesellschaftliche Bedeutung sich über Jahrtausende gewandelt hat.
Cannabis in Zahlen und Kultur
Die Relevanz von Cannabis spiegelt sich auch in den Konsumzahlen wider: Nach Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys 2021 konsumierten 8,8 % der Erwachsenen (18 – 64 Jahre) in Deutschland innerhalb eines Jahres Cannabis – hochgerechnet etwa 4,5 Millionen Menschen (IFT, 2023). Nur ein Bruchteil hiervon nutzt medizinisches Cannabis auf Rezept, die große Mehrheit bezieht die Substanz aus dem nicht-regulierten Bereich.
Cannabis ist damit die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland.
Auch jenseits epidemiologischer Studien zeigt sich die kulturelle Verankerung: In einer Auswertung von über 700 deutschen Rap-Songs mit Polizeibezug wurde Cannabis als am häufigsten erwähnte Droge identifiziert – deutlich häufiger als Kokain, Ecstasy oder AlkoholEine psychoaktive Substanz, die als Genussmittel konsumiert wird und durch ihre berauschende Wirkung bekannt ist. Chemisch handelt es sich um Ethanol (C₂H₅OH).. Die Substanz fungiert dort zugleich als Konsumgut, Symbol für Rebellion und Ausdruck sozialer Zugehörigkeit.
Cannabis – eine Einführung

Der Begriff Cannabis bezeichnet sowohl die Hanfpflanze selbst als auch die daraus gewonnenen Produkte mit psychoaktiver Wirkung. Botanisch gehört Cannabis zur Familie der Cannabaceae. Es existieren mehrere Unterarten, vor allem Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis. Für medizinische und berauschende Zwecke wird fast ausschließlich die weibliche Blüte der Pflanze verwendet, da sie besonders reich an Cannabinoiden ist.
Die wichtigsten Wirkstoffe sind:
- THC (Tetrahydrocannabinol): der psychoaktive Hauptwirkstoff mit berauschender Wirkung.
- CBD (Cannabidiol): nicht berauschend, aber beruhigend, entzündungshemmend und medizinisch nutzbar.
- Weitere Cannabinoide wie CBG, CBN und THCV sind pharmakologisch relevant, aber weniger gut erforscht.
Die getrockneten Blüten werden meist als „Gras“ oder „Marihuana“ bezeichnet und traditionell geraucht, verdampft oder in Lebensmitteln konsumiert (Edibles). Haschisch wird aus dem Harz der Pflanze gepresst, während Öle und Extrakte durch technische Verfahren gewonnen werden – etwa für medizinische Anwendungen oder Vape-Pens. Je nach Form und Verarbeitungsgrad unterscheiden sich Wirkungseintritt, Intensität und Dauer deutlich.
Wirkung und Risiken
Die Wirkung von Cannabis ist abhängig von Dosis, Konsumform, individueller Empfänglichkeit und Setting. Zu den typischen Effekten gehören:
- Entspannung, Euphorie, gesteigerte Sinneswahrnehmung
- Veränderte Zeitwahrnehmung, Rededrang, Appetitsteigerung („Munchies“)
- Bei hohen Dosen: Angstzustände, Paranoia, kognitive Beeinträchtigungen

yogi Bushby, CC BY 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.5>, via Wikimedia Common
Obwohl Cannabis im Vergleich zu anderen DrogenDrogen sind psychoaktive Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und in legaler oder illegaler Form konsumiert werden. ein geringeres physisches Abhängigkeitspotenzial besitzt, kann es bei regelmäßigem Konsum zu einer psychischen AbhängigkeitAbhängigkeit beschreibt den Zustand, in dem eine Person nicht mehr in der Lage ist, den Konsum einer Substanz oder ein bestimmtes Verhalten ohne psychische und/oder physische Entzugserscheinungen zu beenden. führen – insbesondere bei früh einsetzendem, hochdosiertem und habitualisiertem Konsum.
Das sogenannte Cannabisabhängigkeitssyndrom ist in der aktuellen ICD‑11 als eigenständige Diagnose unter dem Code 6C43.1 („Cannabis dependence“) klassifiziert. Es umfasst u. a. Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und Entzugssymptome wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit oder Appetitmangel (WHO, 2025). Studien zeigen, dass bei etwa 9–10 % der Cannabiskonsumierenden im Lebensverlauf eine Abhängigkeitsdiagnose gestellt werden kann – bei Jugendlichen steigt das Risiko auf bis zu 17 % (Lopez-Quintero et al., 2011).
Der Konsumbeginn im Jugendalter gilt dabei als besonders kritisch: Das menschliche Gehirn, insbesondere der präfrontale Cortex, entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter. Früher, intensiver Cannabiskonsum kann daher mit kognitiven Einschränkungen, Verringerung der Impulskontrolle und erhöhtem Psychoserisiko einhergehen (Volkow et al., 2014). Diese Risiken betreffen vor allem Sorten mit hohem THC-Gehalt und niedrigem CBD-Anteil (Di Forti et al., 2019).
Zudem gilt als wissenschaftlich gesichert, dass Cannabis psychotische Episoden auslösen oder bestehende psychische Störungen verstärken kann, insbesondere bei Personen mit einer genetischen oder familiären Prädisposition für Psychosen (Caspi et al., 2005; Di Forti et al., 2019; Murray et al., 2017).
Metaanalysen zeigen, dass regelmäßiger Konsum hochpotenter Sorten (THC > 15 %) das Risiko für psychotische Erkrankungen um das 2‑ bis 4‑Fache erhöht (Di Forti et al., 2019), wobei CBD-haltige Produkte einen protektiven Effekt haben können (Morgan & Curran, 2008).
Eine Auswertung der Plattform CannGo zeigt: Aktuell (Stand: November 2025) sind dort 1432 Cannabis-Sorten gelistet, die über Apotheken erhältlich sind. Nur 62 dieser Sorten weisen einen THC-Gehalt von maximal 15 % auf – also weniger als 5 % aller angebotenen Sorten. Der höchste dokumentierte Wert liegt bei 37 % THC – ein Potenzniveau, das weit über dem von früher üblichen Schwarzmarkt-Cannabis liegt und mit einem erhöhten psychotischen Risiko korreliert.
Viele Konsument:innen, die in der Vergangenheit Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben – etwa in den 1980er- oder 1990er-Jahren – sind heute überrascht von der deutlich gestiegenen Potenz moderner Sorten. Während frühere Produkte vom Schwarzmarkt häufig einen THC-Gehalt von unter 10 % aufwiesen, dominieren heute hochgezüchtete Blüten mit 20 % oder mehr. Diese Entwicklung birgt ein erhöhtes Risiko für unerwartet intensive Wirkungen – insbesondere bei Gelegenheitskonsum, Wiedereinstieg oder uninformierter Dosierung.
Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass eine tödliche Überdosierung von Cannabis nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand äußerst unwahrscheinlich ist. In der epidemiologischen Literatur sind keine Fälle dokumentiert, in denen ein Todesfall eindeutig auf eine Cannabisintoxikation zurückzuführen wäre (WHO, 2016: 19). Tierexperimentelle Studien deuten darauf hin, dass die letale Dosis beim Menschen zwischen 15 und 70 Gramm THC liegen müsste – also deutlich über der täglichen Konsummenge selbst schwerer Nutzer:innen (ebd.).
Ein zentraler Grund für diese vergleichsweise hohe Sicherheit liegt in der pharmakologischen Besonderheit, dass keine Cannabinoidrezeptoren im Hirnstamm lokalisiert sind – also in jenem Bereich, der für lebenswichtige Funktionen wie die Atemregulation zuständig ist (Iversen, 2012). Im Vergleich zu Opiaten, Alkohol oder synthetischen Drogen gilt Cannabis daher als substanztoxikologisch relativ sicher.
Cannabis und Schwarzmarkt
Weltweit ist Cannabis die am häufigsten konsumierte und zugleich illegalisierte Droge. Nach Schätzungen der UNODC (2023) nutzen mehr als 200 Millionen Menschen jährlich Cannabis oder 4,3 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung – trotz national unterschiedlicher Rechtslagen. In vielen Ländern werden große Teile des Marktes durch illegale Netzwerke bedient, was Produktqualität, Streckmittel und Reinheit unkontrollierbar macht.
In Deutschland variieren die Schwarzmarktpreise je nach Region, Qualität und Menge zwischen etwa 8 und 15 Euro pro Gramm. Laut EMCDDA lag der typische Straßenverkaufspreis für Cannabisblüten im Jahr 2021 in der EU bei 8 bis 12 Euro pro Gramm, bei einem durchschnittlichen THC-Gehalt von 7 bis 13 % (EMCDDA, 2023). Der illegale Handel belastet Justiz, Polizei und Gesundheitswesen und wird zunehmend als Argument für eine regulierte Abgabe ins Feld geführt. Der Schwarzmarkt ist zudem ein zentraler Ort von KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. – insbesondere marginalisierter Gruppen.
Von der Nutzpflanze zum Rauschmittel
Die Nutzung von Cannabis hat eine jahrtausendealte Geschichte. Bereits vor rund 5000 Jahren wurde die Hanfpflanze in Zentralasien kultiviert – vor allem als Faserlieferant für Kleidung, Seile und Papier. Die psychoaktiven Wirkstoffe der Pflanze wurden vor allem in Indien, Persien und China für rituelle, medizinische und spirituelle Zwecke verwendet. Auch in afrikanischen, arabischen und indigenen Kulturen war Cannabis eng mit Heilritualen, spirituellen Praktiken und gemeinschaftlichem Konsum verbunden (vgl. Booth, 2003).
In Europa hingegen spielte Cannabis lange Zeit keine nennenswerte Rolle als Rauschmittel. Vielmehr wurde Hanf bis ins 19. Jahrhundert vorrangig als Werkstoff genutzt – etwa zur Herstellung von Segeltuch, Papier oder Textilien. Auch in den USA war Hanf bis ins frühe 20. Jahrhundert ein bedeutender Agrarrohstoff, bevor politische und wirtschaftliche Interessen die Weichen auf Verbots‑ und Kontrollpolitik stellten. Die Unterscheidung zwischen Industriehanf und psychoaktivem Cannabis wurde dabei gezielt verwischt (vgl. Barop, 2023).
Medizinische Nutzung: Alte Tradition – neue Akzeptanz
Schon in antiken Schriften werden medizinische Anwendungen von Cannabis beschrieben – etwa bei Schmerzen, Entzündungen, Epilepsie oder Geburtshilfe. In der arabischen, indischen und chinesischen Heilkunde war die Substanz über Jahrhunderte fest verankert. Auch im 19. Jahrhundert wurde Cannabis in Europa als Arzneimittel verwendet, etwa in Tinkturen, Ölen und Zäpfchen – bis es im Zuge wachsender internationaler Regulierungen sukzessive aus der Schulmedizin verschwand (vgl. Booth, 2003).
Erst in den letzten Jahrzehnten wurde das therapeutische Potenzial von Cannabis neu entdeckt. In Deutschland wurde 2017 mit dem GesetzEin Gesetz ist eine allgemeinverbindliche, staatlich festgelegte Norm zur Regelung des sozialen Zusammenlebens. zur Versorgung mit Cannabis zu medizinischen Zwecken (MedCanG) ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der die Verschreibung unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Die aktuelle Evaluationsstudie EKOCAN weist jedoch auf strukturelle Defizite hin: vor allem in ländlichen Regionen berichten Patient:innen von Versorgungsengpässen, teils langen Wartezeiten und einem Rückzug telemedizinischer Angebote.
Die medizinische Nutzung steht seither in einem Spannungsfeld zwischen pharmakologischer Evidenz, politischen Interessen und gesellschaftlicher Akzeptanz – und zeigt, wie die Pflanze zwischen Heilmittel und Rauschmittel oszilliert.
Der Weg in die Illegalität
Die Kriminalisierung von Cannabis ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis gezielter politischer Kampagnen. Eine Schlüsselfigur dabei war Harry J. Anslinger, der erste Leiter des US‑amerikanischen Federal Bureau of Narcotics. In den 1930er Jahren lancierte er eine umfassende Anti‑Cannabis‑Kampagne, die die Substanz mit Gewalt, Wahnsinn und KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. assoziierte – gestützt auf rassistische Ressentiments, mediale Panikmache (Reefer Madness) und wirtschaftliche Interessen.
Wie Helena Barop (2023) eindrucksvoll herausarbeitet, nutzte Anslinger das rhetorische Arsenal moralischer Empörung, um Cannabis symbolisch mit Minderheiten, Subkulturen und DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. zu verknüpfen – ein klassischer Fall moralischer Definitionsmacht. In Howards S. Beckers Sinne lässt sich Anslinger als Prototyp eines Moralunternehmers verstehen, der soziale NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. aktiv konstruiert und durchsetzt.
Die Wirkung war durchschlagend: In den USA wurde Marihuana 1937 verboten, und internationale Normen wie das Einheits‑Übereinkommen über Suchtstoffe von 1961 legten den Weg zur globalen Ächtung. Auch in Deutschland war Cannabis bis zum Jahr 2024 größtenteils strikt geregelt – bis mit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) eine neue rechtliche Phase begann.
Die Rolle von Anslinger und die internationale DrogenpolitikDie Drogenpolitik umfasst alle politischen Maßnahmen, gesetzlichen Regelungen und staatlichen Interventionen, die den Umgang mit illegalen und legalen Drogen regeln und deren Konsum, Produktion und Handel steuern. stehen im Mittelpunkt von Teil 2 dieser Serie.
Weiterführend:
Freizeitkultur, Subkultur, Symbolpolitik
In breiteren Bevölkerungsschichten wurde Cannabis erst ab den 1960er Jahren populär – insbesondere in der Jugendkultur, in sozialen Bewegungen und später in der Popkultur. Seither ist Cannabis nicht nur eine Substanz, sondern ein Symbol: für Abweichung, Protest, aber auch für Genuss, Entspannung und Spiritualität.
In Deutschland blieb der rechtliche Umgang bis 2024 repressiv – obwohl der Freizeitkonsum weit verbreitet war. Mit Inkrafttreten des KCanG am 1. April 2024 begann eine neue Rechtslage: Erwachsene dürfen unter bestimmten Voraussetzungen privat bis zu 25 g Cannabis im öffentlichen Raum und bis zu 50 g im Privatraum besitzen sowie bis zu drei Pflanzen zum Eigenanbau halten. Zudem sind gemeinschaftlicher, nicht-gewerblicher Anbau in sog. Anbauvereinigungen (max. 500 Mitglieder) sowie Weitergabe unter strengen Auflagen erlaubt.
Mehr zur politischen Geschichte der Kriminalisierung und den Akteuren hinter der Prohibitionspolitik in Deutschland folgt in Teil 3 dieser Serie.
Erste Daten aus der EKOCAN-Studie zeigen jedoch: Die neue Gesetzeslage wird von Polizei, Justiz und Öffentlichkeit teils widersprüchlich interpretiert. Versorgungsengpässe, Rechtsunsicherheit und symbolische Kontrollpraktiken bleiben bestehen – was die These stützt, dass EntkriminalisierungDie Reduzierung oder Aufhebung strafrechtlicher Sanktionen für bestimmte Handlungen. allein noch keine soziale Normalisierung bedeutet.
Kriminologische Perspektiven auf Cannabiskonsum
Warum konsumieren Menschen Cannabis – trotz gesetzlicher Verbote, gesundheitlicher Risiken oder sozialer Sanktionen? Diese Frage lässt sich auch mit Theorien der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. beantworten. Unterschiedliche Ansätze liefern jeweils eigene Perspektiven auf Ursachen, Motive und gesellschaftliche Reaktionen im Kontext von Drogenkonsum:
- General Theory of Crime (Gottfredson & Hirschi): Cannabiskonsum kann als Ausdruck mangelnder SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren. verstanden werden – insbesondere bei impulsiven, gegenwartsorientierten Personen, die kurzfristige Befriedigung suchen.
- Anomietheorie (Merton): Der Rückzug in den Konsum entspricht dem „Rückzugsmodus“ (retreatism) – einer Anpassungsform, bei der sowohl gesellschaftliche Ziele als auch legale Mittel abgelehnt werden.
- Subkulturtheorien: In bestimmten Jugendmilieus (z. B. Hip-Hop, Rave, Reggae) ist Cannabiskonsum kulturell normiert und identitätsstiftend. DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. wird hier als kollektiv geteilte Praxis verstanden.
- Labeling Approach (Becker, Lemert): Die soziale Zuschreibung als „Kiffer:in“ kann zu StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen., Ausgrenzung und sekundärer Devianz führen – insbesondere bei früh auffälligen Jugendlichen.
- Kritische Kriminologie: Die Kriminalisierung von Cannabis erscheint als Herrschaftsinstrument zur Kontrolle abweichender Lebensstile. Wer definiert, was „Devianz“ ist, übt MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. aus – meist zulasten marginalisierter Gruppen.
- Kulturkriminologie: Konsum wird als ästhetisiertes Regelbrechen gedeutet – als lustvoller Ausdruck von Nonkonformität, Rebellion und Symbolpolitik. Gerade in subkulturellen Kontexten kann Cannabis eine Form von Widerstand gegen dominante WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. verkörpern.
Eine systematische Verbindung zwischen Cannabiskonsum, Devianztheorien und gesellschaftlicher Kontrolle liefern Justin Wheeldon und Jon Heidt in ihrem Buch Cannabis Criminology (2022). Dort analysiert er klassische und kritische Perspektiven auf die Pflanze, ihre Nutzer:innen und ihre Symbolkraft im Spannungsfeld von MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt., Gesetz und Popkultur.
Fazit: Eine Pflanze im Wandel der Zeiten
Die Geschichte von Cannabis ist ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen: von der Heil‑ und Nutzpflanze zur kriminalisierten Substanz, vom Werkstoff zum Genussmittel. Der Umgang mit Cannabis war nie rein medizinisch oder pharmakologisch begründet – sondern immer auch kulturell, politisch und moralisch aufgeladen.
Die aktuellen Regelungen mit dem KCanG markieren einen neuen rechtlichen Abschnitt in Deutschland. Doch die Debatten um Umsetzung, Versorgung, soziale Ungleichheit und Kontrolle bleiben zentral. In den kommenden Beiträgen dieser Serie wird es daher um politische Akteure, aktuelle Gesetzesinitiativen, medizinische Versorgungslücken und die Ästhetik des Konsums gehen.
Literatur
- Barop, H. (2023). Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Siedler.
- Becker, H. S. (1963). Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance. Free Press.
- Bonnet, U. (2023). Medizinisches Cannabis. Springer.
- Booth, M. (2003). Cannabis: A History. Thomas Dunne Books/St. Martin’s Press.
- Caspi, A., Moffitt, T. E., Cannon, M., et al. (2005). Moderation of the effect of adolescent-onset cannabis use on adult psychosis by a functional polymorphism in the COMT gene: Longitudinal evidence of a gene × environment interaction.
- Di Forti, M., Quattrone, D., Freeman, T. P., et al. (2019). The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI study). The Lancet Psychiatry, 6(5), 427–436. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30048-3
- EMCDDA (2023). European Drug Report 2023: Trends and Developments. Lissabon: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.
- EKOCAN-Konsortium (2024). 1. Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes. BMG.
- Grotenhermen, F. (2016). Medizinisches Cannabis – Eine praxisorientierte Einführung. Nachtschatten Verlag.
- IFT Institut für Therapieforschung (2023). Epidemiologischer Suchtsurvey 2021 – Kurzbericht. München. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/details/epidemiologischer-suchtsurvey-esa-2021.html
- Lee, M. A. (2012). Smoke Signals: A Social History of Marijuana – Medical, Recreational and Scientific. Scribner.
- Lopez-Quintero, C., Pérez de los Cobos, J., Hasin, D. S., et al. (2011). Probability and predictors of transition from first use to dependence on nicotine, alcohol, cannabis and cocaine: Results of the National Epidemiologic Survey on Alcohol and Related Conditions (NESARC). Drug and Alcohol Dependence, 115(1–2), 120–130. https://doi.org/10.1016/j.drugalcdep.2010.11.004
- Morgan, C. J. A., & Curran, H. V. (2008). Effects of cannabidiol on schizophrenia‑like symptoms in people who use cannabis. British Journal of Psychiatry, 192(4), 306–307. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.107.046649
- Murray, R. M., Englund, A., Abi‑Dargham, A., et al. (2017). Cannabis‑associated psychosis: Neural substrate and clinical impact. Neuropharmacology, 124, 89–104. https://doi.org/10.1016/j.neuropharm.2017.06.018
- UNODC (2023). World Drug Report 2023 (United Nations publication, 2023). https://www.unodc.org/res/WDR-2023/WDR23_Exsum_fin_DP.pdf
- Volkow, N. D., Baler, R. D., Compton, W. M., & Weiss, S. R. B. (2014). Adverse Health Effects of Marijuana Use. New England Journal of Medicine, 370(23), 2219–2227. https://doi.org/10.1056/NEJMra1402309
- Werse, B. & Kamphausen, G. (Hrsg.). (2021). Cannabis Normal!? Zur Entkriminalisierung und Regulierung in Deutschland. transcript.
- Wheeldon, J. & Heidt, J. (2022). Cannabis Criminology. Routledge.
- World Health Organization (2025). International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11). 6C41.2 Cannabis dependence. https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en#1129015467
- World Health Organization (2016). The health and social effects of nonmedical cannabis use. Geneva.
1️⃣ Cannabis zwischen Heilmittel, Werkstoff und Kriminalisierung
2️⃣ Harry J. Anslinger und die Erfindung des Drogenproblems
3️⃣ Das KCanG in der Praxis – Regulierung, Kontrolle, Alltag
4️⃣ Cannabis auf Rezept – Ein Selbstversuch
5️⃣ Cannabis zwischen Konsumform, Subkultur und Popkultur


