Der Begriff PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. leitet sich vom lateinischen praevenire ab und bedeutet „zuvorkommen“ oder „vorbeugen“. Im Kontext der Kriminologie bezeichnet KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern, zu reduzieren oder ihre Folgen zu begrenzen. Wer verstehen will, was Kriminologie untersucht, muss sich daher auch mit der Frage beschäftigen, wie KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. verhindert werden soll.
Kriminalprävention – DefinitionKriminalprävention bezeichnet alle staatlichen und gesellschaftlichen Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern, zu reduzieren oder ihre Folgen zu begrenzen. Präventionsmaßnahmen können sich an potenzielle Täter, potenzielle Opfer oder an Tatgelegenheiten richten.
Eine einheitliche wissenschaftliche Definition von Kriminalprävention existiert nicht. In der Polizeilichen Dienstvorschrift PDV 100 (Ziff. 2.1.1.1) wird der Begriff jedoch wie folgt beschrieben:
Prävention umfasst die Gesamtheit aller staatlichen und privaten Bemühungen, Programme und Maßnahmen, welche die Kriminalität und die Verkehrsunfälle als gesellschaftliche Phänomene oder individuelle Ereignisse verhüten, mindern oder in ihren Folgen gering halten. Zu solchen negativen Folgen zählen physische, psychische und materielle Schäden sowie Kriminalitätsangst, insbesondere die Furcht, Opfer zu werden.
Kriminalprävention ist damit keine ausschließlich polizeiliche Aufgabe. Sie umfasst vielmehr ein breites Spektrum staatlicher, kommunaler und zivilgesellschaftlicher Maßnahmen, die auf unterschiedliche Ursachen von Kriminalität reagieren.
Seit 1997 werden Programme und Maßnahmen der polizeilichen Kriminalprävention bundesweit durch das Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) koordiniert, dessen Geschäftsstelle beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg in Stuttgart angesiedelt ist.
Primärprävention, Sekundärprävention und Tertiärprävention
Programme und Maßnahmen der Kriminalprävention lassen sich nach den angesprochenen Zielgruppen unterscheiden. In der Präventionsforschung wird dabei häufig zwischen drei Ebenen differenziert:
- Primärprävention: Maßnahmen, die sich an die Allgemeinbevölkerung richten und Kriminalität bereits im Vorfeld verhindern sollen.
- Sekundärprävention: Maßnahmen, die auf Risikogruppen oder besonders gefährdete Personen abzielen.
- Tertiärprävention: Maßnahmen, die sich an bereits auffällig gewordene Täter richten und weitere Straftaten verhindern sollen.
In der neueren Präventionsforschung wird häufig auch zwischen universeller, selektiver und indizierter Prävention unterschieden, um die Zielgruppen genauer zu beschreiben.
Kriminalprävention lässt sich außerdem danach unterscheiden, ob sie auf potenzielle Täter, potenzielle Opfer oder auf konkrete Situationen und Orte abzielt. Ebenso kann zwischen einer Verhaltensprävention und einer Verhältnisprävention unterschieden werden. Verhaltensprävention zielt auf eine Veränderung des Verhaltens von Tätern oder Opfern, Verhältnisprävention auf eine Veränderung der Umwelt, der Gelegenheitsstrukturen oder der sozialen Rahmenbedingungen.
Ebenen der Kriminalprävention
Die verschiedenen Ebenen der Kriminalprävention lassen sich nach Zielgruppen und Interventionsformen unterscheiden. Die folgende Übersicht zeigt typische Maßnahmen der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention in Bezug auf potenzielle Täter, potenzielle Opfer und Situationen.
| Primärprävention (universell) | Sekundärprävention (selektiv) | Tertiärprävention (indiziert) | |
|---|---|---|---|
| Zielgruppe „Täter“ | Allgemeinheit | Potentielle Täter | Verurteilte Täter |
| Inhalte „Täter“ | Stärkung des Rechtsbewusstsein, Aufklärung, Beseitigung sozialstruktureller Mängel | Konzentration auf Stärkung von Risikogruppen | Sanktion, Maßnahmen zur Sicherung und Besserung, Bewährungshilfe |
| Zielgruppe „Opfer“ | Jedermann | Potentielle Opfer | Geschädigte |
| Inhalte „Opfer“ | Allgemeine Aufklärung und Information | Schulung gefährdeter Personen, Sicherung von Objekten | Opferschutz, -beratung, -betreuung, Frauenhäuser, TOA |
| Anlässe „Situation“ | Allgemeine Situation | Gefährdete Objekte | „Hot Spots“ |
| Inhalte „Situation“ | Städtebauliche Planung, Verbesserung der Übersichtlichkeit | Erhöhung Tataufwand, Reduzierung begünstigender Kriterien, Reduzierung Tatgelegenheitsstrukturen | Entschärfung von Brennpunkten |
(eigene Darstellung nach: Pientka, 2014: 243)
Situative KriminalpräventionViele Präventionsmaßnahmen zielen nicht auf Täter oder Opfer, sondern auf die Tatgelegenheiten selbst. Dieser Ansatz wird als situative Kriminalprävention bezeichnet und knüpft eng an rationale KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. wie die Rational Choice Theorie an.
Clarke und Eck haben hierfür ein bekanntes Schema mit 25 Techniken der situativen Kriminalprävention entwickelt, das Maßnahmen wie Zugangskontrollen, bessere Beleuchtung oder technische Sicherungen systematisiert.
Eine Übersicht dieser Techniken findet sich im Beitrag zum Routine Activity Approach, der die Rolle von Tätern, Tatgelegenheiten und fehlender sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. erklärt.
Handlungsfelder der Kriminalprävention
Kriminalprävention lässt sich auf sehr unterschiedliche Handlungsfelder anwenden. Der Runderlass des nordrhein-westfälischen Innenministeriums zum Thema polizeiliche Kriminalprävention nennt beispielsweise folgende Aufgabenbereiche:
- Politisch motivierte Kriminalität
- Cyberkriminalität
- Technische Prävention
- Gewaltprävention
- GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. im sozialen Nahraum
- Gewalt im öffentlichen Raum
- Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz
- Prävention von Kriminalität zum Nachteil von Seniorinnen und Senioren
- Prävention von Betäubungsmittelkriminalität
- Städtebauliche Kriminalprävention
Verhaltensprävention und Verhältnisprävention
Eine wichtige Unterscheidung betrifft die Frage, worauf Prävention im Kern abzielt. Verhaltensprävention versucht, Einstellungen, Kenntnisse oder Handlungsmuster von Menschen zu verändern. Dazu zählen etwa Aufklärungskampagnen, schulische Präventionsprogramme oder soziale Trainingskurse.
Verhältnisprävention setzt dagegen an den äußeren Bedingungen an. Sie zielt darauf, Gelegenheiten für Straftaten zu reduzieren oder Schutzfaktoren zu stärken. Beispiele wären technische Sicherungen gegen Einbruch, bessere Beleuchtung im öffentlichen Raum oder Maßnahmen der städtebaulichen Kriminalprävention.
Konzepte wie Crime Prevention Through Environmental Design (CPTEDCPTED (Crime Prevention Through Environmental Design) bezeichnet präventive Maßnahmen, die durch bauliche und räumliche Gestaltung Kriminalität reduzieren sollen.) oder Defensible Space werden ausführlicher im Beitrag
Raum und (Un-)Sicherheit – städtebauliche Kriminalprävention erläutert.
In der Praxis greifen beide Präventionsformen häufig ineinander. Viele erfolgreiche Präventionsstrategien kombinieren verhaltensbezogene und situationsbezogene Maßnahmen.
Beispiel:Die Prävention von Wohnungseinbruch kann sowohl verhaltensorientiert als auch verhältnisorientiert erfolgen. Verhaltensprävention setzt etwa auf Aufklärung über richtiges Sicherungsverhalten. Verhältnisprävention zielt hingegen auf technische Sicherungen wie einbruchhemmende Fenster, Türschlösser oder Beleuchtung.
Evidenzbasierte Kriminalprävention
In der neueren KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. gewinnt zunehmend die Frage an Bedeutung, welche Präventionsprogramme tatsächlich wirksam sind. Unter dem Stichwort evidenzbasierte Kriminalprävention werden Maßnahmen systematisch evaluiert und hinsichtlich ihrer Effektivität überprüft.
Dabei zeigt sich, dass nicht jede gut gemeinte Präventionsmaßnahme auch tatsächlich positive Effekte hat. Einige Programme bleiben wirkungslos, andere können sogar unbeabsichtigte Nebenfolgen haben. Aus diesem Grund ist Kriminalprävention heute zunehmend mit der Forderung verbunden, Maßnahmen wissenschaftlich zu evaluieren und erfolgreiche Modelle gezielt weiterzuentwickeln.
Gerade im Bereich der Prävention ist daher zwischen symbolischer Politik, plausiblen Alltagsannahmen und empirisch überprüfter Wirksamkeit zu unterscheiden.
Kritik an kriminalpräventiven Strategien
Kriminalprävention gilt in Politik und ÖffentlichkeitÖffentlichkeit bezeichnet den sozialen Raum, in dem gesellschaftliche Themen sichtbar, verhandelt und bewertet werden. häufig als besonders rationaler und konsensfähiger Ansatz der Kriminalpolitik. Die Idee, Straftaten möglichst frühzeitig zu verhindern, erscheint intuitiv plausibel. In der kriminologischen Forschung wird jedoch darauf hingewiesen, dass präventive Strategien auch mit Problemen und Nebenwirkungen verbunden sein können.
Ein häufiger Kritikpunkt betrifft mögliche Verdrängungseffekte. Präventionsmaßnahmen können dazu führen, dass Kriminalität nicht verschwindet, sondern lediglich räumlich, zeitlich oder hinsichtlich der Zielpersonen verlagert wird. Wird beispielsweise ein besonders stark belasteter Ort intensiver überwacht, kann dies dazu führen, dass sich entsprechende Aktivitäten in benachbarte Räume verlagern. Empirische Studien zeigen allerdings, dass solche Verdrängungseffekte nicht zwangsläufig auftreten und Präventionsmaßnahmen teilweise sogar positive Spillover-Effekte („diffusion of benefits“) erzeugen können.
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Frage nach den Ursachen von Kriminalität. Viele Präventionsprogramme setzen an Tatgelegenheiten, Verhalten oder konkreten Risikosituationen an. Kritiker wenden ein, dass damit häufig eher Symptome als strukturelle Ursachen von Kriminalität behandelt werden. Faktoren wie soziale Ungleichheit, ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben., Bildungsbenachteiligung oder soziale Desintegration bleiben in solchen Ansätzen oft unberücksichtigt. Prävention kann in dieser Perspektive zu einer technokratischen Verwaltung von Kriminalitätsrisiken werden, ohne die zugrunde liegenden sozialen Problemlagen zu verändern.
Schließlich wird aus Perspektiven der kritischen Kriminologie darauf hingewiesen, dass Präventionsstrategien auch mit einer Ausweitung sozialer Kontrolle verbunden sein können. Maßnahmen wie Videoüberwachung, Zugangskontrollen oder algorithmische Risikoanalysen zielen darauf ab, potenzielle Gefahren frühzeitig zu identifizieren. Dadurch kann sich der Fokus staatlicher Interventionen von konkreten Straftaten hin zu der präventiven Kontrolle bestimmter Personengruppen oder Räume verschieben. In diesem Zusammenhang wird Prävention teilweise als Bestandteil einer umfassenderen „Risikosteuerung“ moderner Gesellschaften interpretiert.
Diese Kritikpunkte bedeuten nicht, dass kriminalpräventive Maßnahmen grundsätzlich unwirksam oder problematisch wären. Sie verdeutlichen jedoch, dass Prävention ebenso wie repressive KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Debatten ist und einer kontinuierlichen empirischen Evaluation bedarf.
Häufige Fragen zur Kriminalprävention
Was versteht man unter Kriminalprävention?
Kriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder ihre Folgen zu reduzieren.
Welche Ebenen der Kriminalprävention gibt es?
In der Präventionsforschung unterscheidet man zwischen Primärprävention, Sekundärprävention und Tertiärprävention.
Quellen und weiterführende Literatur
- Deutscher Präventionstag (DPT)
- Deutsches Forum für Kriminalprävention – DFK
- European Crime Prevention Network – EUCPN
- Krimdex – DPT-Datenbank zu Forschungsprojekten der Kriminalprävention und Kriminologie
- Pientka, M. (2014). Kriminalwissenschaften II. München: C.H. Beck.
- Polizeiliche Kriminalprävention. Runderlass des Ministeriums des Innern NRW vom 9. Mai 2019. Online verfügbar unter: https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=7&vd_id=17772&ver=8&val=17772&sg=0&menu=1&vd_back=N
- Programm Polizeiliche Kriminalprävention – ProPK
- Walsh, M.; Pniewski, B.; Kober, M.; Armborst, A. (Hrsg.) (2018). Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland. Ein Leitfaden für Politik und Praxis. Wiesbaden: Springer VS.



