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Kriminalitätstheorien in Film und Fernsehen

13. Juli 2026 von Christian Wickert

KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. gelten vielen Studierenden zunächst als trocken und abstrakt. Dabei begegnen sie uns fast täglich – im Kino, in Fernsehserien und auf Streaming-Plattformen. Vorstellungen von Serienmördern, Jugendkriminalität, Polizei oder Gefängnissen entstehen häufig lange bevor wir uns wissenschaftlich mit diesen Themen beschäftigen. Filme erzählen Geschichten über soziale Ungleichheit, Macht, Gewalt, Kontrolle und Devianz. Sie bieten damit nicht nur spannende Unterhaltung, sondern entwerfen zugleich eigene Deutungen darüber, warum Menschen Straftaten begehen, wie Gesellschaften auf Kriminalität reagieren und was als abweichendes Verhalten gilt.

Die Idee, Spielfilme als Gegenstand der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. ernst zu nehmen, wurde maßgeblich durch die amerikanische Kriminologin Nicole Rafter geprägt. Gemeinsam mit Michelle Brown zeigte sie in dem Sammelband Criminology Goes to the Movies (2011), dass zahlreiche Filme kriminalitätstheoretische Perspektiven nicht nur aufgreifen, sondern teilweise nahezu lehrbuchartig veranschaulichen. PopulärkulturKulturelle Ausdrucksform breiter Bevölkerungsschichten; oft massenmedial verbreitet und kommerziell produziert. und wissenschaftliche Kriminologie erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als sich überschneidende Formen gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit Kriminalität.

While it is true that many crime films have no criminological implications whatsoever, others are so well developed theoretically as to perfectly illustrate specific criminological perspectives. In these cases, popular culture and academic criminology not only overlap; they almost coincide.

(Rafter & Brown, Criminology Goes to the Movies, 2011, S. 8)

Rafter und Brown knüpfen damit ausdrücklich an die Popular Criminology und die Cultural CriminologyCultural Criminology ist ein kriminologischer Ansatz, der Kriminalität und soziale Kontrolle als kulturell geprägte Phänomene versteht und analysiert. Im Fokus stehen die Bedeutungen, Symbole und gesellschaftlichen Diskurse, die Kriminalität umgeben. an. Beide Perspektiven verstehen Filme nicht lediglich als Unterhaltung oder didaktisches Hilfsmittel, sondern als kulturelle Texte, die gesellschaftliche Vorstellungen von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen., Devianz, Strafe und sozialer Kontrolle mitprägen. Filme spiegeln gesellschaftliche Wirklichkeit daher nicht einfach wider, sondern tragen selbst dazu bei, Bedeutungen zu erzeugen, Täter- und Opferbilder zu formen und kriminalpolitische Debatten zu beeinflussen.

Seit dem Erscheinen von Criminology Goes to the Movies haben sich diese Ansätze weiterentwickelt. Insbesondere die Narrative Criminology richtet den Blick auf Geschichten als eigenständige Form der Sinnstiftung. Sie untersucht, wie Täter, Opfer, Medien und GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. Kriminalität erzählerisch konstruieren und welche Bedeutung solche Narrative für Identität, Motivation und gesellschaftliche Wirklichkeit besitzen. Gerade Spielfilme bieten hierfür ein besonders reiches Untersuchungsfeld, weil sie Kriminalität fast immer in Form zusammenhängender Erzählungen präsentieren.

Der sozialwissenschaftliche Film- und Serienkanon von SozTheo knüpft an diese Überlegungen an und verfolgt zugleich einen eigenen didaktischen Ansatz. Filme und Serien werden hier nicht als Ersatz wissenschaftlicher Theorien verstanden, sondern als anschauliche Fallbeispiele, anhand derer sich kriminalitätstheoretische Konzepte veranschaulichen, diskutieren und kritisch reflektieren lassen. Ausgangspunkt sind dabei stets die kriminalitätstheoretischen Beiträge auf SozTheo. Von ihnen ausgehend werden Filme ausgewählt, die sich besonders gut eignen, zentrale Annahmen einer Theorie zu illustrieren, ihre Grenzen sichtbar zu machen oder unterschiedliche theoretische Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.

Movies translate the theories into narratives, enabling us to visualize a theory in action.

(Rafter & Brown, Criminology Goes to the Movies, 2011, S. 186)

Die folgende Übersicht orientiert sich an den großen Theoriegruppen der Kriminologie und zeigt exemplarisch, welche Filme und Serien sich besonders gut eignen, um ihre zentralen Annahmen zu veranschaulichen. Sie versteht sich als Einladung, kriminalitätstheoretische Konzepte nicht nur zu lesen, sondern auch im Medium Film neu zu entdecken.

Anomie- und Strain-Theorien

Leitfrage: Warum reagieren Menschen auf gesellschaftlichen Druck, strukturell ungleiche Lebenschancen und persönliche Belastungen mit Kriminalität?

Anomie- und Strain-Theorien erklären Kriminalität als Folge gesellschaftlicher Spannungen und individueller Belastungserfahrungen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Annahme, dass kriminelles Verhalten nicht allein auf persönliche Eigenschaften zurückzuführen ist, sondern aus dem Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, ungleichen Handlungsmöglichkeiten und belastenden Lebenssituationen entsteht.

Während Émile Durkheim Anomie als Zustand geschwächter sozialer NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. verstand, erklärte Robert K. Merton Kriminalität als mögliche Reaktion auf den Widerspruch zwischen gesellschaftlich propagierten Erfolgszielen und den ungleichen Möglichkeiten, diese auf legalem Weg zu erreichen. Robert Agnews General Strain Theory erweitert diese Perspektive um emotionale Belastungen wie Demütigung, Frustration, Ausgrenzung oder den Verlust positiver sozialer Beziehungen.

Icon einer Filmkamera

Filmbeispiel


Scarface (1983)


Scarface – Filmbeispiel zu Anomie- und Strain-Theorien

Kurzinhalt

Tony Montana gelangt als mittelloser kubanischer FlüchtlingEin Flüchtling ist eine Person, die aus ihrer Heimat vor Krieg, Verfolgung, Gewalt oder schweren Menschenrechtsverletzungen flieht und internationalen Schutz in einem anderen Staat sucht. Anfang der 1980er Jahre nach Miami. Getrieben vom Wunsch nach Wohlstand, gesellschaftlicher Anerkennung und sozialem Aufstieg arbeitet er sich vom Kleinkriminellen zum mächtigen Drogenhändler empor. Sein kompromissloses Streben nach Reichtum und Status führt ihn an die Spitze der Unterwelt, zugleich aber in eine Spirale aus Gewalt, Misstrauen und Selbstzerstörung.

Kriminologische Perspektive

Scarface eignet sich besonders gut zur Veranschaulichung von Robert K. Mertons Anomietheorie. Tony Montana übernimmt die kulturell propagierten Erfolgsziele des American Dream vollständig, verfügt jedoch kaum über legale Möglichkeiten, diese zu erreichen. Statt die gesellschaftlichen Ziele aufzugeben, entscheidet er sich für einen illegalen Weg des sozialen Aufstiegs – ein klassisches Beispiel für Mertons Anpassungsmodus der Innovation.

Weitere Beispiele

  • Joker (2019) – General Strain Theory nach Robert Agnew: Demütigung, soziale Zurückweisung und der Verlust positiver Beziehungen.
  • The Wolf of Wall Street (2013) – Institutionelle Anomietheorie nach Messner und Rosenfeld: wirtschaftlicher Erfolgsdruck und die Dominanz ökonomischer WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. über rechtliche und moralische Normen.


Zu den Anomie- und Strain-Theorien →

Biologische Kriminalitätstheorien

Leitfrage: Welchen Einfluss haben körperliche, genetische und entwicklungsbezogene Faktoren auf die Entstehung kriminellen Verhaltens?

Biologische Kriminalitätstheorien suchen nach körperlichen, genetischen oder neurobiologischen Bedingungen, die kriminelles Verhalten begünstigen können. Historische Ansätze gingen teilweise davon aus, dass sich eine angeborene kriminelle Veranlagung unmittelbar an körperlichen Merkmalen erkennen lasse. ModerneGesellschaftsform, die sich durch Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Individualisierung auszeichnet. Theorien vertreten dagegen überwiegend keine einfache biologische Vorbestimmung, sondern untersuchen das Zusammenwirken biologischer Dispositionen mit sozialen Erfahrungen und Umweltbedingungen.

Als einflussreicher, heute jedoch wissenschaftlich überholter Ausgangspunkt gilt Cesare Lombrosos anthropologische Kriminalitätstheorie. Lombroso deutete bestimmte Straftäter als evolutionäre Rückfälle und glaubte, ihre vermeintliche Gefährlichkeit anhand körperlicher Merkmale erkennen zu können. Entwicklungsbezogene Ansätze wie die Two-Path-Theory von Terrie Moffitt oder der Mehrfaktorenansatz von Sheldon und Eleanor Glueck betrachten abweichendes Verhalten dagegen als Ergebnis langfristiger Entwicklungsprozesse, in denen individuelle Voraussetzungen und soziale Lebensbedingungen miteinander interagieren.

Filmbeispiel


Frankenstein (1931)


Frankenstein – Filmbeispiel zu biologischen Kriminalitätstheorien

Kurzinhalt

Der Wissenschaftler Henry Frankenstein erschafft aus den Körperteilen Verstorbener ein künstliches Lebewesen. Das Geschöpf verfügt über enorme körperliche Kräfte, kann seine Umwelt zunächst jedoch kaum verstehen und reagiert häufig aus Angst, Überforderung und Orientierungslosigkeit. Von seiner Umgebung wird es aufgrund seines fremdartigen Aussehens frühzeitig als gefährliches Monster wahrgenommen, ausgegrenzt und verfolgt.

Kriminologische Perspektive

Frankenstein greift die Vorstellung auf, Gefährlichkeit und moralischer Charakter könnten am Körper eines Menschen erkannt werden. Damit erinnert die Darstellung des Geschöpfs an Lombrosos Idee des körperlich identifizierbaren, von Natur aus kriminellen Menschen. Zugleich unterläuft der Film diese Perspektive: Das Geschöpf erscheint nicht einfach als angeboren böse. Seine Gewalttätigkeit entwickelt sich vielmehr im Zusammenspiel von körperlicher Andersartigkeit, fehlender SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität., sozialer Zurückweisung und gewaltsamer Behandlung. Der Film eignet sich deshalb sowohl zur Veranschaulichung biologisch-deterministischer Täterbilder als auch zu deren kritischer Reflexion.

Weitere Beispiele

  • The Texas Chain Saw Massacre (1974) – Vorstellungen von Degeneration, familiärer Vererbung und einer vermeintlich archaischen Gewaltgemeinschaft.
  • A Clockwork Orange (1971) – die Frage, ob Gewaltbereitschaft durch körperliche und verhaltensbezogene Eingriffe technisch kontrolliert werden kann.


Zu den biologischen Kriminalitätstheorien →

Konflikttheorien

Leitfrage: Entsteht Kriminalität durch individuelles Verhalten – oder wird sie erst durch gesellschaftliche Zuschreibungen, Machtverhältnisse und soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. hervorgebracht?

Konflikttheorien richten den Blick weniger auf die Ursachen kriminellen Handelns als auf gesellschaftliche Prozesse der Definition, ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten. und Sanktionierung. Sie fragen, wer festlegt, was als Kriminalität gilt, welche Gruppen besonders häufig kriminalisiert werden und wie soziale Ungleichheit die Anwendung des Strafrechts beeinflusst. Kriminalität erscheint damit nicht allein als Eigenschaft einer Handlung, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Macht- und Aushandlungsprozesse.

Besonders prägend wurde der Labeling-Ansatz, der von Edwin Lemert, Howard S. Becker und später Fritz Sack weiterentwickelt wurde. Devianz entsteht danach nicht allein durch eine Normverletzung, sondern vor allem durch gesellschaftliche Reaktionen auf diese Handlung. Die öffentliche Zuschreibung als „Krimineller“ kann Identitäten verändern, soziale Ausgrenzung verstärken und weitere Devianz begünstigen. Marxistische und konfliktorientierte Kriminalitätstheorien erweitern diese Perspektive, indem sie StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. und Strafverfolgung als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschafts- und Machtverhältnisse interpretieren.

Filmbeispiel


The Hunt (2012)


The Hunt – Filmbeispiel zum Labeling-Ansatz

Kurzinhalt

Der Kindergärtner Lucas wird nach einer missverständlichen Aussage eines kleinen Mädchens verdächtigt, ein Sexualdelikt begangen zu haben. Obwohl belastbare Beweise fehlen, verbreitet sich der Verdacht rasch in der Dorfgemeinschaft. Freunde wenden sich von ihm ab, seine berufliche Existenz zerbricht und selbst nach seiner offiziellen Entlastung bleibt das Misstrauen bestehen.

Kriminologische Perspektive

The Hunt veranschaulicht eindrucksvoll den Labeling-Ansatz. Nicht die Tat selbst steht im Mittelpunkt – sie hat nie stattgefunden –, sondern die gesellschaftliche Zuschreibung. Die StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen. entwickelt eine Eigendynamik: Aus einem unbescholtenen Bürger wird in den Augen seines sozialen Umfelds ein vermeintlicher Straftäter. Der Film zeigt damit, wie soziale Reaktionen Biografien nachhaltig verändern können und wie schwer einmal entstandene Etikettierungen wieder zu korrigieren sind.

Weitere Beispiele

  • Frankenstein (1931) – OtheringOthering bezeichnet den sozialen Prozess, durch den Personen oder Gruppen als grundlegend „anders“ konstruiert und von der eigenen Gemeinschaft abgegrenzt werden. Die Zuschreibung dient häufig dazu, soziale Ungleichheiten, Ausgrenzung oder Diskriminierung zu legitimieren. und soziale Zuschreibung aufgrund äußerer Merkmale.
  • The Dark Knight (2008) – Konflikte zwischen staatlicher Ordnung, Legitimität und gesellschaftlicher MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen..
  • The Wire (2002–2008) – Institutionelle Macht, soziale Ungleichheit und selektive KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. im urbanen Raum.


Zu den Konflikttheorien →

Karriere-, Entwicklungs- und Lebenslauftheorien

Leitfrage: Warum entwickeln sich kriminelle Karrieren im Laufe des Lebens unterschiedlich – und weshalb gelingt manchen Menschen der Ausstieg aus der Kriminalität, während andere dauerhaft delinquent bleiben?

Karriere-, Entwicklungs- und Lebenslauftheorien verstehen Kriminalität nicht als unveränderliche Eigenschaft einer Person, sondern als Ergebnis individueller Entwicklungsverläufe. Im Mittelpunkt stehen biografische Übergänge, soziale Beziehungen und einschneidende Lebensereignisse, die kriminelles Verhalten fördern, verstärken oder beenden können. Anders als statische Erklärungsansätze fragen diese Theorien danach, wie sich DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. im Lebenslauf verändert und weshalb Menschen unterschiedliche Entwicklungswege einschlagen.

Besonders einflussreich ist die Age-Graded Theory of Crime von Robert J. Sampson und John H. Laub. Sie zeigt, dass stabile soziale Bindungen – etwa Partnerschaft, FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. oder Beruf – als Turning PointsTurning Points sind biografische Wendepunkte, die den Verlauf kriminellen Handelns nachhaltig verändern können. wirken können, die kriminelle Karrieren nachhaltig verändern. Andere Ansätze wie die Karrieremodelle von Quensel und Hess sowie David Matzas Delinquency and DriftDrift bezeichnet den prozesshaften Wechsel zwischen normkonformem und abweichendem Verhalten, ohne dass Individuen dauerhaft deviant oder normtreu sind. betonen unterschiedliche Entwicklungsverläufe, Übergangsphasen und den situativen Charakter abweichenden Verhaltens.

Filmbeispiel


City of God (2002)

 

City of God – Filmbeispiel zu Karriere-, Entwicklungs- und Lebenslauftheorien

 

Kurzinhalt

City of God erzählt die Geschichte mehrerer Jugendlicher, die in den Favelas von Rio de Janeiro aufwachsen. Während einige früh in Bandenkriminalität, DrogenhandelDrogenhandel bezeichnet die Herstellung, den Transport, den Vertrieb oder den Verkauf illegaler Betäubungsmittel zum Zweck der Gewinnerzielung. und Gewalt hineingeraten, gelingt es anderen, sich von diesem Umfeld zu lösen und alternative Lebenswege einzuschlagen. Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten zeigt der Film, wie soziale Beziehungen, Zufälle, Chancen und individuelle Entscheidungen unterschiedliche Biografien hervorbringen.

Kriminologische Perspektive

Der Film veranschaulicht zentrale Annahmen der Lebenslaufkriminologie. Statt Kriminalität als unveränderliche Eigenschaft zu begreifen, zeigt City of God, wie sich kriminelle Karrieren entwickeln, verfestigen oder durch biografische Wendepunkte verändern können. Die unterschiedlichen Lebenswege der Figuren verdeutlichen, dass Delinquenz weder zwangsläufig noch dauerhaft ist. Damit eignet sich der Film besonders gut zur Illustration der Age-Graded Theory of Crime von Sampson und Laub sowie weiterer entwicklungsorientierter Ansätze der Kriminologie.

Weitere Beispiele

  • GoodFellas (1990) – Aufstieg, Etablierung und Zerfall einer kriminellen Karriere über mehrere Lebensphasen.
  • A Clockwork Orange (1971) – Jugenddelinquenz, Reifungsprozesse und gesellschaftliche Eingriffe in individuelle Entwicklungsverläufe.
  • Orange Is the New Black (2013–2019) – Biografische Brüche, Inhaftierung und die Herausforderungen der ResozialisierungResozialisierung bezeichnet die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Straftäter:innen. Ziel ist es, nach einer Straftat durch pädagogische, therapeutische und soziale Maßnahmen ein Leben ohne weitere Straftaten zu ermöglichen..


Zu den Karriere-, Entwicklungs- und Lebenslauftheorien →

Kontrolltheorien

Leitfrage: Warum werden die meisten Menschen trotz vorhandener Gelegenheiten nicht kriminell?

KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. verfolgen einen anderen Ansatz als viele klassische Kriminalitätstheorien. Sie fragen nicht in erster Linie, warum Menschen Straftaten begehen, sondern weshalb die überwiegende Mehrheit darauf verzichtet. Kriminalität gilt dabei weniger als außergewöhnliches Verhalten denn als grundsätzlich mögliche Handlungsoption, die durch soziale Bindungen, Selbstkontrolle und gesellschaftliche Kontrolle begrenzt wird.

Zu den wichtigsten Vertretern zählen Travis Hirschis Bindungstheorie (Social Bond Theory), die General Theory of Crime von Michael Gottfredson und Travis Hirschi sowie Charles Tittles Control Balance Theory. Trotz unterschiedlicher Akzentsetzungen teilen diese Ansätze die Annahme, dass stabile soziale Beziehungen, gelingende Sozialisation und SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren. entscheidende Voraussetzungen für normkonformes Verhalten darstellen.

Filmbeispiel


Systemsprenger (2019)

 

Systemsprenger – Filmbeispiel zu den Kontrolltheorien

 

Kurzinhalt

Die neunjährige Benni gilt als sogenannter „Systemsprenger“. Aufgrund massiver Verhaltensauffälligkeiten scheitern nacheinander Pflegefamilien, Wohngruppen, Schulen und therapeutische Einrichtungen daran, ihr dauerhaft Halt und Stabilität zu geben. Trotz des großen Engagements vieler Fachkräfte gelingt es nicht, tragfähige soziale Beziehungen aufzubauen, sodass Benni immer wieder in GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. und Eskalation zurückfällt.

Kriminologische Perspektive

Systemsprenger verdeutlicht zentrale Annahmen der Kontrolltheorien. Aus der Perspektive von Travis Hirschis Bindungstheorie fehlen Benni stabile emotionale Beziehungen zu Bezugspersonen sowie langfristige soziale Bindungen an Familie, Schule oder andere gesellschaftliche Institutionen. Der Film macht deutlich, dass soziale Kontrolle nicht in erster Linie durch Strafen entsteht, sondern durch tragfähige Beziehungen, Vertrauen und soziale IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden.. Gerade das wiederholte Scheitern dieser Bindungen erklärt, weshalb Benni kaum Verhaltensgrenzen entwickeln kann.

Weitere Beispiele

  • Elephant (2003) – soziale Isolation, fehlende Integration und schwache Bindungen im schulischen Umfeld.
  • A Clockwork Orange (1971) – der Gegensatz zwischen innerer Selbstkontrolle und äußerem Zwang als Mittel sozialer Kontrolle.
  • Orange Is the New Black (2013–2019) – formelle und informelle Kontrollmechanismen innerhalb des Strafvollzugs.


Zu den Kontrolltheorien →

Kultur-, Emotions- und situationale Ansätze

Leitfrage: Weshalb erscheint Kriminalität für Täter manchmal als sinnstiftend, aufregend oder emotional befriedigend?

Kultur-, Emotions- und situationale Ansätze rücken die subjektive Bedeutung kriminellen Handelns in den Mittelpunkt. Sie interessieren sich weniger für stabile Tätermerkmale oder gesellschaftliche Strukturen als für die Frage, welche Gefühle, Erzählungen und kulturellen Deutungen kriminelles Verhalten attraktiv oder nachvollziehbar erscheinen lassen. Kriminalität wird dabei nicht allein als Regelverletzung verstanden, sondern als sozialer und kultureller Prozess, der IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. stiftet, Emotionen erzeugt und symbolische Bedeutung besitzt.

Zu dieser Theoriegruppe gehören unter anderem die Cultural Criminology, die Narrative Criminology, Jack Katz‘ Konzept der Seductions of Crime, Stephen Lyngs EdgeworkEdgework bezeichnet freiwillige Handlungen, bei denen Individuen bewusst die Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust aufsuchen. sowie Elijah Andersons Code of the Street. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verbindet diese Ansätze das Interesse an der subjektiven Erfahrung kriminellen Handelns und seiner kulturellen Einbettung.

Filmbeispiel


American Psycho (2000)

 

American Psycho – Filmbeispiel zu kultur-, emotions- und situationalen Ansätzen

 

Kurzinhalt

Patrick Bateman ist ein erfolgreicher Investmentbanker im New York der 1980er Jahre. Sein Leben ist geprägt von Luxus, Statussymbolen und einem obsessiven Streben nach Perfektion. Hinter der makellosen Fassade entwickelt er jedoch ein zunehmend exzessives Doppelleben, in dem Gewalt, Mord und sadistische Fantasien zu einem festen Bestandteil seiner Identität werden. Ob alle geschilderten Ereignisse tatsächlich stattfinden oder teilweise seiner Vorstellung entspringen, bleibt bewusst offen.

Kriminologische Perspektive

American Psycho eignet sich besonders zur Veranschaulichung moderner kultur- und emotionsorientierter Kriminalitätstheorien. Patrick Bateman handelt weder aus wirtschaftlicher Not noch aufgrund mangelnder Gelegenheiten oder fehlender sozialer Bindungen. Seine Gewalthandlungen erscheinen vielmehr als Ausdruck von Langeweile, narzisstischer Selbstinszenierung, Statusdenken und dem Reiz der Grenzüberschreitung. Damit illustriert der Film Jack Katz‘ Konzept der Seductions of Crime, nach dem Kriminalität häufig aus der emotionalen Dynamik der Tat selbst heraus verständlich wird. Zugleich verweist Batemans Selbstinszenierung auf zentrale Themen der Cultural Criminology und der Narrative Criminology, die nach der kulturellen Bedeutung und den Geschichten fragen, mit denen Täter ihr Handeln legitimieren.

Weitere Beispiele

  • Falling Down (1993) – Emotion, Kränkung und subjektive Deutungen gesellschaftlicher Ordnung.
  • Taxi Driver (1976) – Narrative Criminology und die Konstruktion einer subjektiven Täteridentität.
  • Natural Born Killers (1994) – Cultural Criminology, Medieninszenierung und die Ästhetisierung von Gewalt.


Zu den kultur-, emotions- und situationalen Ansätzen →

Lern- und Subkulturtheorien

Leitfrage: Wie wird kriminelles Verhalten erlernt – und welche RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. spielen soziale Gruppen, Vorbilder und Subkulturen?

Lern- und SubkulturtheorienSubkulturtheorien sind soziologische und kriminologische Ansätze, die abweichendes Verhalten und Kriminalität als Ausdruck spezifischer Werte, Normen und Lebensstile innerhalb sozialer Gruppen interpretieren, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. gehen davon aus, dass kriminelles Verhalten weder angeboren noch ausschließlich das Ergebnis individueller Entscheidungen ist. Vielmehr wird Delinquenz im sozialen Umfeld erlernt, eingeübt und durch gemeinsame Werte, Normen und Erwartungen stabilisiert. Im Mittelpunkt stehen soziale Beziehungen, Gruppenzugehörigkeit und die Weitergabe krimineller Handlungsmuster.

Zu den einflussreichsten Ansätzen zählen Edwin H. Sutherlands Theorie der differentiellen Kontakte, Ronald L. Akers Theorie des sozialen Lernens, Albert K. Cohens Subkulturtheorie, Cloward und Ohlins Theorie der differentiellen Gelegenheiten sowie die Neutralisierungstechniken von Sykes und Matza. Gemeinsam verdeutlichen diese Ansätze, dass Kriminalität innerhalb sozialer Gruppen erlernt, legitimiert und aufrechterhalten werden kann.

Filmbeispiel


GoodFellas (1990)

 

GoodFellas – Filmbeispiel zu Lern- und Subkulturtheorien

 

Kurzinhalt

Der junge Henry Hill wächst in einem italienisch geprägten Arbeiterviertel New Yorks auf und fühlt sich schon früh von den örtlichen Mafiosi angezogen. Schritt für Schritt wird er Teil ihrer Gemeinschaft, lernt deren Regeln, Werte und Verhaltensweisen kennen und steigt innerhalb der kriminellen OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. auf. Loyalität, Anerkennung und Zugehörigkeit werden dabei ebenso wichtig wie Geld oder Macht.

Kriminologische Perspektive

GoodFellas gehört zu den eindrucksvollsten filmischen Illustrationen der Lern- und Subkulturtheorien. Henry Hill wird nicht als geborener Straftäter dargestellt, sondern wächst schrittweise in ein kriminelles Milieu hinein. Innerhalb der Gruppe lernt er Techniken, Einstellungen und Rechtfertigungen kriminellen Handelns kennen – ganz im Sinne von Edwin H. Sutherlands Theorie der differentiellen Kontakte. Gleichzeitig entwickelt die Mafia eine eigene Werteordnung, die Loyalität, StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist. und Gewalt positiv bewertet und damit zentrale Gedanken von Albert K. Cohens Subkulturtheorie aufgreift. Die wiederkehrenden Rechtfertigungen der Figuren erinnern zudem an die Neutralisierungstechniken von Sykes und Matza.

Weitere Beispiele

  • City of God (2002) – LernenLernen ist ein Prozess, durch den Individuen durch Erfahrung, Beobachtung oder Instruktion dauerhaftes Wissen, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen erwerben oder verändern. kriminellen Verhaltens innerhalb jugendlicher Banden und krimineller Milieus.
  • 4 Blocks (2017–2019) – Familienstrukturen, Loyalität und die Weitergabe krimineller Normen innerhalb organisierter Kriminalität.
  • La Haine (1995) – jugendliche Subkulturen, GruppendruckGruppendruck bezeichnet den sozialen Einfluss einer Gruppe auf das Verhalten, die Einstellungen oder Entscheidungen ihrer Mitglieder. Er kann dazu führen, dass Personen ihre eigenen Überzeugungen zugunsten der Erwartungen der Gruppe zurückstellen. und soziale Identität.


Zu den Lern- und Subkulturtheorien →

Rationale Kriminalitätstheorien

Leitfrage: Wie treffen Straftäter ihre Entscheidungen – und welche Rolle spielen Gelegenheiten, Risiken und situative Rahmenbedingungen?

Rationale Kriminalitätstheorien verstehen Kriminalität als Ergebnis bewusster oder zumindest begrenzt rationaler Entscheidungen. Im Mittelpunkt steht weniger die Persönlichkeit des Täters als die konkrete Situation, in der eine Straftat begangen wird. Kriminalität entsteht demnach dort, wo günstige Gelegenheiten auf motivierte Täter treffen und die erwarteten Vorteile die wahrgenommenen Risiken übersteigen.

Zu dieser Theoriegruppe zählen unter anderem die Rational ChoiceRational Choice ist ein theoretischer Ansatz, der menschliches Verhalten als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Kalküle versteht. Theory, die Abschreckungstheorien (Deterrence Theory), der Routine Activity Approach, die Crime Pattern Theory, die Situational Crime PreventionSituational Crime Prevention (Situative Kriminalprävention) bezeichnet eine kriminalpräventive Strategie, die durch Veränderung der situativen Bedingungen die Gelegenheiten zur Begehung von Straftaten reduzieren soll. sowie Per-Olof Wikströms Situational Action Theory. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verbindet diese Ansätze die Annahme, dass Kriminalität wesentlich durch Gelegenheiten, Entscheidungssituationen und situative Bedingungen beeinflusst wird.

Filmbeispiel

Heat (1995)

Heat – Filmbeispiel zu den Rational-Choice-Theorien

Kurzinhalt

Neil McCauley führt eine professionell organisierte Gruppe von Bankräubern in Los Angeles. Jeder Überfall wird minutiös vorbereitet, Risiken werden sorgfältig kalkuliert und Pläne laufend an neue Informationen angepasst. Gleichzeitig versucht der erfahrene Ermittler Vincent Hanna, die Vorgehensweise der Täter vorherzusehen und ihre Entscheidungen strategisch zu beeinflussen. Zwischen beiden entwickelt sich ein intelligentes Duell, in dem Planung, RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. und situative Entscheidungen im Mittelpunkt stehen.

Kriminologische Perspektive

Heat gehört zu den eindrucksvollsten filmischen Illustrationen rationaler Kriminalitätstheorien. Die Täter handeln weder impulsiv noch emotional, sondern treffen ihre Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung von Chancen, Risiken und möglichen Konsequenzen. Gleichzeitig zeigt der Film, wie Sicherheitsmaßnahmen, polizeiliche Präsenz und situative Veränderungen die Tatplanung beeinflussen. Damit eignet sich Heat nicht nur zur Veranschaulichung der Rational Choice Theory, sondern ebenso des Routine Activity Approach, der Crime Pattern Theory und der Situational Crime Prevention, die Kriminalität als Ergebnis konkreter Entscheidungssituationen verstehen.

Weitere Beispiele

  • Minority Report (2002) – Prävention, ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure. und die Verhinderung von Tatgelegenheiten.
  • Inside Man (2006) – strategische Planung, Informationsvorsprung und rationale Entscheidungsprozesse.
  • The Dark Knight (2008) – strategische InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten. zwischen Täter, Polizei und Justiz sowie die Manipulation situativer Entscheidungen.


Zu den rationalen Kriminalitätstheorien →

Sanktionierungstheorien

Leitfrage: Welche Folgen haben Strafen und gesellschaftliche Reaktionen auf zukünftiges Verhalten?

Sanktionierungstheorien richten ihren Blick weniger auf die Entstehung von Kriminalität als auf die Folgen gesellschaftlicher Reaktionen. Sie fragen, ob Strafen tatsächlich abschreckend wirken, unter welchen Bedingungen Sanktionen normkonformes Verhalten fördern und wann sie im Gegenteil weitere Delinquenz begünstigen. Im Mittelpunkt steht damit die Wirkung sozialer Kontrolle nach einer Straftat.

Zu den wichtigsten Ansätzen zählen Lawrence W. Shermans Defiance TheoryDie Defiance Theory erklärt, warum Sanktionen unter bestimmten Bedingungen nicht abschreckend, sondern delinquenzfördernd wirken können. sowie John Braithwaites Theorie des Reintegrative Shaming. Während Sherman zeigt, dass als ungerecht empfundene Sanktionen Trotz und weitere Kriminalität hervorrufen können, betont Braithwaite die Bedeutung einer beschämenden, zugleich aber reintegrierenden Reaktion, die den Täter nicht dauerhaft aus der GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand. ausschließt.

Filmbeispiel


Scared Straight! (1978)

 

Scared Straight! – Filmbeispiel zu Sanktionierungstheorien

 

Kurzinhalt

Scared StraightEin kriminalpräventives Programm, das darauf abzielt, jugendliche Straftäter durch den direkten Kontakt mit Strafgefangenen von weiteren Straftaten abzuschrecken.! dokumentiert ein Resozialisierungsprogramm, bei dem straffällig gewordene Jugendliche ein Hochsicherheitsgefängnis besuchen. Dort werden sie von langjährigen Insassen mit drastischen Schilderungen des Gefängnisalltags, Einschüchterungen und Beschimpfungen konfrontiert. Ziel des Programms ist es, die Jugendlichen durch Angst vor den Folgen weiterer Straftaten dauerhaft von kriminellem Verhalten abzuhalten.

Kriminologische Perspektive

Scared Straight! eignet sich hervorragend zur Veranschaulichung moderner Sanktionierungstheorien. Das Programm beruht auf der Annahme, dass harte Sanktionen und intensive Abschreckung zukünftige Straftaten verhindern. Gerade deshalb bietet der Film einen idealen Ausgangspunkt, um Shermans Defiance Theory und Braithwaites Reintegrative Shaming zu diskutieren. Beide Ansätze stellen die Frage, unter welchen Bedingungen Sanktionen tatsächlich normkonformes Verhalten fördern – und wann sie stattdessen Ablehnung, Trotz oder weitere Delinquenz hervorrufen. Besonders interessant ist dabei, dass empirische Untersuchungen zeigen, dass reine Abschreckungsprogramme wie Scared Straight! die Rückfallquote nicht senken und teilweise sogar erhöhen können.

Weitere Beispiele

  • Hotel Rwanda (2004) – Der Genozid in Ruanda bildet den historischen Hintergrund für die späteren Gacaca-Gerichte, die international häufig im Zusammenhang mit Restorative JusticeRestorative Justice (wiedergutmachende Gerechtigkeit) ist ein Ansatz im Strafrecht, der darauf abzielt, die durch eine Straftat entstandenen Schäden durch Dialog und Wiedergutmachung zwischen Täter, Opfer und Gemeinschaft zu beheben. und Braithwaites Konzept des Reintegrative Shaming diskutiert werden.
  • A Clockwork Orange (1971) – Sanktionen, Verhaltensänderung und die Grenzen staatlichen Zwangs.
  • Orange Is the New Black (2013–2019) – Langfristige Folgen strafrechtlicher Sanktionen und Herausforderungen der Reintegration nach der Haft.

 

Zu den Sanktionierungstheorien →

 

Theorien der sozialen Desorganisation

Leitfrage: Weshalb weisen manche Stadtviertel dauerhaft höhere Kriminalitätsraten auf als andere?

Theorien der sozialen Desorganisation verlagern den Blick vom einzelnen Täter auf das soziale Umfeld. Kriminalität wird nicht in erster Linie durch individuelle Eigenschaften erklärt, sondern durch die Merkmale von Nachbarschaften und Stadtteilen. Armut, hohe Fluktuation der Bevölkerung, ethnische Heterogenität oder der Zerfall sozialer Netzwerke können dazu führen, dass informelle soziale Kontrolle geschwächt wird und Kriminalität leichter entsteht.

Zu den wichtigsten Vertretern zählen Clifford R. Shaw und Henry D. McKay mit ihrer Theorie der sozialen Desorganisation, James Q. Wilson und George L. Kelling mit der Broken-Windows-Theorie sowie Robert J. Sampsons Collective Efficacy Theory. Gemeinsam betonen diese Ansätze, dass funktionierende Nachbarschaften nicht allein von ihrer baulichen StrukturStruktur bezeichnet das relativ stabile Gefüge von Beziehungen, Regeln und Positionen, das soziale Prozesse, Handlungen und Bedeutungen ordnet. abhängen, sondern vor allem von sozialem Zusammenhalt und der Bereitschaft der Bewohner, Verantwortung für ihr Wohnumfeld zu übernehmen.

Filmbeispiel


The Wire (2002–2008)

 

The Wire – Filmbeispiel zu den Theorien der sozialen Desorganisation

 

Kurzinhalt

The Wire zeichnet über fünf Staffeln ein vielschichtiges Bild der Stadt Baltimore. Im Mittelpunkt stehen PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Drogenhandel, Schulen, Politik, Medien und Justiz. Statt einzelne Täter oder Ermittler zu idealisieren, zeigt die Serie, wie unterschiedliche Institutionen miteinander verflochten sind und wie soziale Ungleichheit, Armut und fehlende Perspektiven das Leben ganzer Stadtviertel prägen.

Kriminologische Perspektive

Kaum eine Serie illustriert die Theorie der sozialen Desorganisation so eindrucksvoll wie The Wire. Kriminalität erscheint hier nicht als individuelles Versagen einzelner Personen, sondern als Folge struktureller Probleme benachteiligter Stadtteile. Die Serie macht sichtbar, wie schwache soziale Kontrolle, institutionelles Versagen und fehlende Zukunftsperspektiven kriminelle Milieus begünstigen. Zugleich verdeutlicht sie die Bedeutung von Collective Efficacy: Dort, wo Vertrauen, Kooperation und gemeinschaftliches Engagement fehlen, fällt es Nachbarschaften zunehmend schwer, soziale Ordnung aufrechtzuerhalten.

Weitere Beispiele

  • Taxi Driver (1976) – Verwahrlosung des öffentlichen Raums und Bezüge zur Broken-Windows-Theorie.
  • City of God (2002) – Kriminalität in sozial benachteiligten Quartieren und die Bedeutung des Wohnumfelds für unterschiedliche Lebensverläufe.
  • La Haine (1995) – soziale Ausgrenzung, fehlender gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Bedeutung von Collective Efficacy in benachteiligten Stadtvierteln.


Zu den Theorien der sozialen Desorganisation →

Literatur

  • Rafter, N. H., & Brown, M. (2011). Criminology goes to the movies: Crime theory and popular culture. New York University Press.

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Kategorie: Kriminologie, Medien, Kultur & Kriminalität Schlagworte: Cultural Criminology, Fernsehen, Fernsehen und Kriminalität, Film und Kriminalität, Film und Kriminologie, Filmkanon, Kriminalitätstheorien, Kriminologie, Medien und Kriminalität, Narrative Criminology, Populärkultur

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Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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