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Cannabis zwischen Konsumform, Subkultur und Popkultur

17. November 2025 von Christian Wickert

Ob Chillum, Joint oder App-gesteuerter Vaporizer – die Art und Weise, wie CannabisCannabis ist eine psychoaktive Substanz, die aus den Blüten und Harzen der Hanfpflanze (Cannabis sativa, Cannabis indica) gewonnen wird. Es zählt zu den am weitesten verbreiteten illegalen Drogen weltweit. konsumiert wird, ist weit mehr als eine rein technische Frage. Sie verrät etwas über die Person, ihre sozialen Beziehungen, kulturellen Vorlieben und den gesellschaftlichen Kontext. Der Konsum ist Ausdruck von Milieuzugehörigkeit, Gesundheitsbewusstsein oder ästhetischer Selbstinszenierung. Dieses Kapitel wirft einen systematischen Blick auf gängige Konsumformen – von der Substanz zur sozialen Bedeutung.

Konsumformen im Überblick

Die Vielfalt der Cannabis-Konsumformen spiegelt nicht nur individuelle Vorlieben, sondern auch kulturelle Kontexte, gesundheitliche Erwägungen und technologische Entwicklungen. Im Folgenden eine Übersicht über gängige Formen:

  • Joint / Spliff / Blunt – gemeinschaftlich, ritualisiert, ikonisch
  • Bong / Wasserpfeife – Solo-Intensität, schnelle Wirkung
  • Chillum / Purpfeife – traditionelle Praxis, spirituelle Konnotation
  • Edibles – essbare Produkte wie Cookies, mit verzögerter Wirkung
  • Vaporizer – modern, kontrollierbar, medizinisch etabliert

Erklärungen der Konsumformen

Joint / Spliff / Blunt: Gerollte Cannabis-Zigaretten mit oder ohne Tabak. Der „Joint“ (engl. „to join“) betont das gemeinschaftliche Raucherlebnis und fungiert seit der Hippie-Ära als Symbol für Zusammengehörigkeit, RitualEin Ritual ist eine formalisiertes, wiederkehrendes und symbolisch aufgeladenes Handlungsmuster, das soziale Beziehungen strukturiert und kollektive Bedeutungen erzeugt. und nonkonformen Lebensstil. „Spliffs“ enthalten meist Tabak und sind in Europa weit verbreitet; sie stehen für eine stärker nikotinorientierte Konsumkultur und einen milderen Geschmack. „Blunts“ hingegen werden in Zigarrenpapier gewickelt, wirken dadurch schwerer und aromatischer und sind fest mit der US-Hip-Hop-Kultur verknüpft – als Ausdruck von Coolness, performativer Übertreibung und ökonomischer Potenz. Alle drei Formen repräsentieren unterschiedliche Konsumtraditionen und soziale Bedeutungen: vom entspannten Freundeskreis bis zur stilisierten Selbstinszenierung in Musik- und Jugendszenen.

Ein Joint
Ein Blunt,
Topher i from Clinton Township, MI, USA, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Bong / Wasserpfeife: Glas- oder Kunststoffgeräte, bei denen der Rauch durch Wasser gefiltert wird. Ermöglicht eine intensive Inhalation und schnelle Wirkung. Oft im privaten Setting oder bei erfahrenen Konsumenten beliebt.

Eine Bong,
Vipergts2207, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Chillum / Purpfeife: Ursprünglich aus Indien stammende Pfeife ohne Wasserfilter. Häufig in spirituell geprägten oder traditionellen Konsumkontexten (z. B. Sadhus, Goa-Szene) genutzt. „Purpfeife“ bezeichnet die Verwendung ohne Tabak.

Ein indischer Sadhu mit einem Chillum,
Selvin, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Edibles: Mit Cannabis versetzte Lebensmittel (z. B. Kekse, Gummibärchen). Wirkung tritt verzögert ein (30–90 Minuten) und hält dafür länger an. In Deutschland laut KCanG aktuell nicht legal, international jedoch verbreitet.

elsaolofsson, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Vaporizer: Geräte zur Inhalation von Cannabisdampf ohne Verbrennung. Gilt als gesundheitsschonendere Alternative zum Rauchen. Wird sowohl im Freizeit- als auch im medizinischen Kontext eingesetzt – z. B. mit Produkten von Storz & Bickel.

Der Vaporizer Mighty+ Medic
Von Chillum bis Vape-App: Die Geschichte der Cannabis-Konsumformen reicht von rituellen Pfeifen in Indien bis zu digital gesteuerten Vaporizern. Die Technik des Konsums ist Ausdruck von Zeitgeist, Zugang, sozialem KapitalKapital bezeichnet in der Soziologie und Ökonomie Ressourcen, die zur Erzielung von Einkommen, Macht oder sozialem Einfluss genutzt werden können. Je nach theoretischem Zugang unterscheidet man verschiedene Kapitalformen. und medizinischem Fortschritt.

Soziologische Lesarten des Konsums

Der Konsum von Cannabis ist nie ausschließlich pharmakologisch motiviert. Er ist ein sozialer Akt, der Zugehörigkeit signalisiert, Abgrenzung markiert und kulturelle Bedeutungen transportiert:

  • Joint: Der Joint ist das ikonischste Symbol des Cannabiskonsums – besonders in der Gegenkultur der 1960er- und 1970er-Jahre. Das gemeinsame Drehen und Rauchen („to join“) markiert Zusammengehörigkeit, Ritual und Rebellion. In der Hippie-Bewegung diente der Joint als Gegenentwurf zur spießigen Hauskultur und symbolisierte Pazifismus, Naturverbundenheit und Antiautoritarismus. Der Konsum wird zum kollektiven Akt der Distinktion – vereint im Rausch, getrennt vom Establishment.
  • Blunt: Der Blunt – ein Joint in Zigarrenpapier – entstand in der afroamerikanischen Hip-Hop-KulturKultur bezeichnet die Gesamtheit gemeinsamer Bedeutungen, Symbole, Praktiken und Lebensweisen einer Gesellschaft oder Gruppe.. Die Zigarre, klassisches Symbol weißer Eliten, wird dabei umfunktioniert und kulturell angeeignet. Der Blunt wird zum Ausdruck von Street Credibility, Coolness und Widerstand gegen Dominanzkulturen. Gleichzeitig erlaubt das größere Zigarrenpapier den Konsum größerer Mengen – ein Zeichen ökonomischer Potenz und performativer Überschussästhetik: „Ich kann es mir leisten, viel und oft zu kiffen.“ In Videos und Lyrics wird der Blunt häufig inszeniert – als Style-Element, Machtgestus und kulturelles Statement.
  • Chillum: Das Chillum – eine konische Ton- oder Steinpfeife – stammt ursprünglich aus spirituell-religiösen Kontexten, etwa von indischen Sadhus oder Rastafari. Es steht für ritualisierten Konsum, oft begleitet von meditativen oder gemeinschaftlichen Praktiken. In westlichen Kontexten wird das Chillum auch zum Authentizitätsmarker alternativer Szenen, die sich von Kommerzialisierung und „Mainstream-Konsum“ abgrenzen wollen. Die archaische Form, der direkte Rauchzug und die kultisch anmutende Handhabung verleihen dem Konsum eine quasi-sakrale Aura.
  • Bong: Die Bong – meist aus Glas oder Acryl – ermöglicht schnellen, intensiven Rausch durch Wasserfiltration. Anders als der Joint ist sie meist auf Einzelkonsum ausgerichtet. In studentischen oder jugendlichen Settings wird die Bong häufig als Instrument pragmatischen Hedonismus genutzt: funktional, effektiv, ohne große Symbolik. Gleichzeitig wirkt der Konsum durch Größe und Geräuschästhetik oft spektakulär – was sie auch in humoristischen Kiffer-Kulturen (z. B. in Filmen wie „Half Baked“) zu einem festen Requisit macht.
  • Edibles & Vaporizer: Beide stehen für eine postmoderne Konsumlogik: diskret, kontrollierbar, individuell dosierbar. Edibles (z. B. Cookies, Gummibärchen) ermöglichen unsichtbaren Konsum mit späterem Wirkungseintritt – häufig genutzt von Konsumenten, die das Rauchen meiden oder gesellschaftlich unauffällig konsumieren möchten. Der Vaporizer symbolisiert die technologisierte SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren. einer gesundheitsbewussten, oft mittelständischen Klientel. Temperatur, Wirkstoffdosis und Reproduzierbarkeit machen ihn auch in der medizinischen Anwendung attraktiv. In einem kulturellen Klima der Selbstoptimierung passt der Vaporizer in das Ideal des „kontrollierten Rauschs“ – high responsibility statt Hedonismus.

Medizinischer Blick: Applikationsformen mit Wirkung

Im medizinischen Kontext richtet sich die Wahl der Applikationsform nach der gewünschten Wirkgeschwindigkeit, Dauer und Dosierbarkeit. Zugelassene Medizinalprodukte sollen eine sichere, reproduzierbare und nebenwirkungsarme Anwendung ermöglichen.

  • Vaporizer: Inhalativer Gebrauch ohne Verbrennung, schneller Wirkungseintritt, exakte Temperatursteuerung und Dosiskontrolle. Besonders geeignet für akute Beschwerden (z. B. Schmerzen, Spastiken).
  • Edibles / Kapseln: Orale Aufnahme mit verzögertem Wirkungseintritt (30–90 Minuten), aber längerer Wirkdauer. Geeignet bei kontinuierlichem Bedarf (z. B. Schlafstörungen, Angstzuständen).
  • Joint: In der Praxis nach wie vor verbreitet, insbesondere bei Freizeitkonsument:innen. Aus medizinischer Sicht jedoch problematisch: Durch die Beimischung von Tabak entstehen krebserregende Verbrennungsprodukte. Der Joint ist dennoch weit verbreitet, da er nur geringe Materialmengen erfordert, eine einfache Handhabung bietet und durch den Tabak die Brenneigenschaften verbessert werden.

 

Der Vaporizer Volcano Medic 2

 

Die Geräte von Storz & Bickel – etwa der tragbare MIGHTY+ MEDIC oder der stationäre VOLCANO MEDIC 2 – sind offiziell als Medizinprodukte zugelassen und werden in ärztlich begleiteten Therapien eingesetzt. Sie ermöglichen eine präzise, hygienische und wirkstoffgerechte Applikation, die sowohl im klinischen Umfeld als auch im häuslichen Gebrauch Anwendung findet.

Transparenzhinweis: Für diesen Beitrag wurden dem Autor zu Testzwecken Demogeräte von Storz & Bickel zur Verfügung gestellt. Der Beitrag erfolgt unabhängig und ohne finanzielle Gegenleistung.

Konsum als Spiegel gesellschaftlicher Transformation

Cannabis-Konsumformen sind Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen – sie verändern sich mit rechtlichem StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist., kultureller Einbettung und gesundheitspolitischer Aufladung. Was einst im Verborgenen geschah, wird heute öffentlich diskutiert, technisiert und sogar medizinisch begleitet. Drei zentrale Transformationslinien lassen sich erkennen:

  • Von Illegalität zur Normalisierung: Der Joint war Symbol des Widerstands – der Vaporizer ist heute Teil medizinischer Routinen. Die Verlagerung vom Schwarzmarkt in legale Kontexte verändert nicht nur die Zugänglichkeit, sondern auch die Wahrnehmung und Praxis des Konsums.
  • Vom schnellen Rausch zur kontrollierten Erfahrung: Illegale Substanzen werden oft heimlich, schnell und auf Wirkung optimiert konsumiert – ähnlich wie selbstgebrannter Schnaps während der Alkoholprohibition. Im legalen Rahmen jedoch entsteht eine neue Kultur des Genießens: Nutzer:innen diskutieren Terpenprofile, Wirkstoffgehalte und Geschmacksnuancen – ähnlich der heutigen Verkostung von Whiskey, Craft-Bier oder Wein.
  • Vom Kollektiverlebnis zur individualisierten Selbststeuerung: Während früher gemeinschaftliche Rauscherlebnisse im Mittelpunkt standen, betont moderner Konsum KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird., Dosierung und Anpassung an individuelle Bedürfnisse – etwa durch medizinische Vaporizer mit exakter Temperatursteuerung.
Bourdieu: Konsumpraktiken fungieren als symbolisches Kapital. Wer Cannabis über ein Chillum konsumiert, signalisiert etwas anderes als jemand, der eine App-gesteuerte Verdampferlösung nutzt. Die Konsumform verweist auf Milieuzugehörigkeit, Habitus und Distinktionsbedürfnisse – und damit auf soziale Strukturierung.

Diese Verschiebung ist Ausdruck eines umfassenderen Wandels: Mit der (Teil-)Legalisierung wird Cannabis aus dem kriminologischen Schatten in den öffentlichen Raum geholt – samt Begleitdiskursen über Gesundheit, Genuss, Verantwortung und Kultur. Die Unterschiede zu anderen illegalen Substanzen wie synthetischen Amphetaminen oder KokainKokain ist ein stark stimulierendes Betäubungsmittel, das aus den Blättern des Kokastrauchs gewonnen wird. könnten größer kaum sein: Dort dominieren weiterhin Schnelligkeit, Verfügbarkeit und Effekt – bei Cannabis hingegen entwickelt sich vielerorts eine reflektierte Konsumkultur.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch die gesellschaftliche Bewertung unterschiedlicher Substanzen analysieren: Cannabis gilt als sedierend, entspannend, verlangsamend – Eigenschaften, die in einer leistungsorientierten GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. oft negativ konnotiert sind. Im Gegensatz dazu erscheinen Alkohol oder NikotinNikotin ist ein starkes Stimulans, das hauptsächlich in Tabakpflanzen vorkommt und abhängig macht., trotz ihrer Risiken, kulturell anschlussfähiger: Sie gelten als sozial kompatibel, kurzfristig leistungssteigernd oder stressregulierend. Besonders in bürgerlichen und politischen Milieus wird Cannabiskonsum daher häufig skeptischer bewertet als etwa der Konsum legaler Stimulanzien – oder gar als Gegensatz zur Ethik der Selbstdisziplin und Produktivität. Noch deutlicher zeigt sich dies beim sogenannten Gehirndoping durch nicht verschriebene Medikamente, das gesellschaftlich zunehmend funktional legitimiert wird. Cannabis hingegen steht für Entschleunigung, Entgrenzung und Gegenkultur – und bleibt dadurch ein ambivalentes Symbol im Spannungsfeld zwischen Genuss, Therapie und Normabweichung.

Zwischen Rebellion, Ritual und Reklametafel: Cannabis in Subkulturen und gesellschaftlichem Wandel

Cannabis ist weit mehr als eine psychoaktive Substanz – es ist ein soziokulturelles Symbol, das in unterschiedlichen Subkulturen jeweils eigene Bedeutungen und Funktionen erfüllt. Der Konsum wirkt als Ritual der Zugehörigkeit, als ästhetischer Marker und und als Abgrenzung gegenüber dem Mainstream. Im historischen Verlauf lässt sich beobachten, wie Cannabis in sozialen Bewegungen, Musikszenen und Jugendkulturen mal als Zeichen des Widerstands, mal als Konsumprodukt, mal als Identitätsmarker auftritt.

So wie sich Kleidung, Musik oder Sprache unterscheiden, wählen viele Jugend- und Subkulturen auch ihre „passenden“ DrogenDrogen sind psychoaktive Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und in legaler oder illegaler Form konsumiert werden. – Substanzen, die ihrem Tempo, Weltbild und ästhetischen Selbstverständnis entsprechen. In Szenen, die Entschleunigung, Kreativität oder Grenzerfahrung suchen, dominiert Cannabis – eine Droge, die eher beruhigt als aufputscht, eher verbindet als entfremdet. Insofern ist es kein Zufall, dass Hippies, Reggae-Fans oder Skater seltener zu Speed oder Kokain greifen. Cannabis funktioniert hier nicht nur als bewusstseinserweiterndes Mittel, sondern auch als kulturelle Affirmation eines Lebensstils jenseits von Leistungsdruck und Verwertungslogik.

Weiterführend:
Siehe auch die Beiträge zu Status & Habitus, Soziale Rollen und Soziologie der Gruppe.

Reggae- und Rastafari-Kultur

  • Cannabis (Ganja) ist integraler Bestandteil der spirituellen Praxis der Rastafari-Bewegung.
  • Symbol für natürliche Lebensweise, Widerstand gegen Kolonialismus und religiöse Meditation.
  • Musikalisches Manifest: Peter Tosh – Legalize It als Aufruf zur Legalisierung und EntkriminalisierungDie Reduzierung oder Aufhebung strafrechtlicher Sanktionen für bestimmte Handlungen..
  • Der Konsum erfolgt oft in bewusstem Widerspruch zur geltenden Gesetzeslage: In Jamaika ist Cannabis offiziell verboten (nur kleine Mengen für religiöse Zwecke sind entkriminalisiert), in Indien gilt ähnliches – dort wird Cannabis im religiösen Kontext (z. B. bei Sadhus) geduldet, aber nicht legal.

Hippie- und Gegenkultur der 1960er/70er

  • Cannabis als ästhetisches und politisches Abgrenzungsmerkmal zur konservativen Nachkriegsgesellschaft.
  • Teil eines alternativen Wertekanons: Frieden, Selbstentfaltung, Naturverbundenheit.
  • Begleitdroge zu psychedelischer Musik, freier Liebe und antimilitaristischen Bewegungen.

Hip-Hop-Kultur

  • Starke Präsenz von Cannabis in Lyrics, Videos und Visuals – z. B. bei Snoop Dogg, Cypress Hill, Wiz Khalifa.
  • Cannabis steht für Entspannung, Selbstermächtigung, Street Credibility – aber auch als Antwort auf strukturellen Druck.
  • Kontext von Racial Profiling, Polizeigewalt und der Stigmatisierung Schwarzer Jugendlicher.
  • In einer Analyse von 900 deutschsprachigen Rap-Alben war Cannabis die mit Abstand am häufigsten genannte psychotrope Substanz.

Skater-, Stoner- und DIY-Kulturen

  • Verbreitung in Skatevideos, Indie-Filmen und College-Kultur.
  • Cannabis dient hier als ironischer Kommentar auf Leistungsgesellschaft und Mainstream-Konsumlogik.
  • Popkulturelle Beispiele: How High, Pineapple Express, Super High Me, Lammbock.
  • Die Wahl von Cannabis (und nicht z. B. Kokain) spiegelt dabei auch eine Affirmation von Langsamkeit, Ironie und Hedonismus – als bewusste Gegenposition zur Beschleunigung des Alltags.

Techno-, Psytrance- und Festival-Szene

  • Cannabis wird als bewusstseinsveränderndes, nicht-aggressives Rauschmittel genutzt.
  • Teil einer Ästhetik des Entgrenzens – akustisch, visuell, sozial.
  • Konsum vor allem im Pre-/Afterhour-Kontext und als Gegenpol zu aufputschenden Substanzen.
Soziologische Einordnung:
In der Perspektive Pierre Bourdieus fungiert Cannabis in vielen dieser Kontexte als symbolisches Kapital: Es markiert Zugehörigkeit, signalisiert Distinktion und ermöglicht Habitusangleichung innerhalb sozialer Felder. Der heutige Trend zur Legalisierung und Kommerzialisierung (z. B. Lifestyle-Produkte, Instagram-Werbung, Designer-Vapes) zeigt jedoch auch, wie subkulturelle Zeichen vom Markt inkorporiert werden – ein klassischer Fall von kultureller Kooptation.

Cannabis in der Popkultur: Kultfilme, Klischees und Narrative

Cannabis spielt in Film und Serie eine deutlich größere RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist., als es auf den ersten Blick scheint. Popkulturelle Darstellungen prägen, wie wir über Rausch, Devianz, Normalität und MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt. nachdenken – oft humorvoll verpackt, aber mit klaren Botschaften darüber, wer als zuverlässig, wer als „verpeilt“ und wer als gefährlich gilt. Gleichzeitig fungieren sie als „symbolische Praktiken“, die genau jene Mechanismen sichtbar machen, welche der Labeling Approach beschreibt: Zuschreibungen schaffen Kategorien, und diese Kategorien bestimmen, welche Figuren als deviant markiert werden.

Kultfilme und Serien rund um Cannabis

Die folgenden Filme und Serien haben Cannabis ikonisch inszeniert. Sie wirken dabei wie ein popkulturelles Archiv, in dem Bedeutungen, EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. und Ästhetiken gesammelt werden – ein Ansatz, der gut zur Cultural Criminology passt, die das Zusammenspiel von Kultur, DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. und medialer Repräsentation betont.

  • Cheech & Chong’s Up in Smoke (1978)
    Ein anarchischer Gegenkultur-Film, der Cannabis als humorvollen Regelbruch inszeniert – ein frühes Beispiel dafür, wie Popkultur Devianz ästhetisiert.
    IMDb
  • Dazed and Confused (1993)
    Jugend, 70s-Nostalgie und entgrenzte Freiräume: Cannabis erscheint als sozialer Marker einer SubkulturEine Subkultur bezeichnet eine Gruppe innerhalb einer Gesellschaft, die sich durch abweichende Werte, Normen, Verhaltensweisen oder symbolische Ausdrucksformen von der Mehrheitskultur unterscheidet.. Die Darstellung folgt einem Muster, das Becker als „moralische Grenzziehung“ beschrieben hätte.
    IMDb
  • Friday (1995)
    Humor trifft strukturelle Ungleichheit: Cannabis wird Teil eines von Rassifizierung, Nachbarschaftskonflikten und Alltagsstress geprägten Milieus.
    IMDb
  • Half Baked (1998)
    Überzeichnetes Stoner-Stereotyp, das soziale Reaktionen überpointiert – fast ein Beispiel für sekundäre Devianz, bei der die Figur zunehmend nach ihrem Etikett handelt.
    IMDb
  • Fear and Loathing in Las Vegas (1998)
    Eine visuelle Tour de Force: Rausch, Kontrollverlust und Paranoia werden zu ästhetischen Statements gegen gesellschaftlichen Konformismus – ein klassischer Zugriff im Sinne der Cultural Criminology.
    IMDb
  • How High (2001)
    Underdog-Erfolgsgeschichte an der Elite-Uni: Der Konsum wird zum humoristischen Störfaktor in institutionalisierten Leistungswelten.
    IMDb
  • Lammbock (2001)
    Freundschaft, Alltagsphilosophie und Kleindealerei – Cannabis erscheint als identitätsstiftendes Symbol zwischen Entrepreneurship und Jugendsubkultur.
    IMDb
  • Harold & Kumar Go to White Castle (2004)
    Der Konsum wird zum Motor einer Kette absurder Abenteuer; gleichzeitig thematisiert der Film Mechanismen von Rassifizierung und sozialer Kontrolle.
    IMDb
  • Pineapple Express (2008)
    Eine Kreuzung aus Stoner-Komödie und Actionfilm – Cannabis als Bindeglied von Freundschaft, GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. und Männlichkeitsinszenierungen.
    IMDb
  • Mr. Nice (2010)
    Biografischer Zugang zu globalisierten Cannabismärkten: Der Film öffnet den Blick auf Schmuggel, Geheimdienstinteressen und politische Kontrollen.
    IMDb
  • The Big Lebowski (1998)
    Der „Dude“ verkörpert eine Form der entschleunigten Gegenidentität – radikale Verweigerung gegenüber normativer Leistungsethik, popkulturell längst zum Meme geworden.
    IMDb
  • Reefer Madness (1936)
    Überzeichnete PropagandaPropaganda bezeichnet systematische Kommunikationsstrategien, die Einstellungen, Überzeugungen oder Verhalten gezielt beeinflussen sollen – meist im Interesse politischer Akteure. und eine Parade moralischer Panik. Das Werk ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Moralunternehmer Devianz konstruieren und politische Agenden durchsetzen.
    IMDb
  • Weeds (2005–2012)
    Suburbia, Geschlechterrollen und der War on Drugs: Die Serie zeigt, wie Cannabis Teil ökonomischer, rechtlicher und familiärer Konflikte wird – ein reiches Materialfeld für Cultural CriminologyCultural Criminology ist ein kriminologischer Ansatz, der Kriminalität und soziale Kontrolle als kulturell geprägte Phänomene versteht und analysiert. Im Fokus stehen die Bedeutungen, Symbole und gesellschaftlichen Diskurse, die Kriminalität umgeben. und soziale Kontrolltheorien.
    IMDb

Der „Stoner“ als komödiantisches Stereotyp

Der immer wiederkehrende „Stoner“-Typus – gutmütig, verpeilt, oft männlich – wirkt wie ein Lehrbuchbeispiel der Etikettierung: Das Label definiert die Figur stärker als der eigentliche Konsum. Diese visuelle und erzählerische Verkürzung erfüllt eine klare narrative Funktion: Sie erzeugt soziale Ordnung, indem sie Grenzen des Normalen markiert. In der Logik der Cultural Criminology lässt sich dies als ästhetische Konstruktion von Devianz lesen, die gleichzeitig distanziert und entdramatisiert.

Wenn der Kiffer als Erstes stirbt: Moralische Botschaften im Slasher-Film

In vielen Slasher-Produktionen sterben Figuren, die kiffen, Sex haben oder gegen soziale Regeln verstoßen, besonders früh. Dieses Muster funktioniert als popkulturelle Kurzform sozialer Kontrolle: Devianz wird sanktioniert, Normtreue belohnt. Die Darstellung entspricht der Logik moralischer Paniken, wie sie Stanley Cohen beschrieben hat – auch wenn die Filme selbst meist nicht pädagogisch gemeint sind, reproduzieren sie doch kulturelle Deutungsmuster über Schuld, Gefahr und StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen..

AlkoholEine psychoaktive Substanz, die als Genussmittel konsumiert wird und durch ihre berauschende Wirkung bekannt ist. Chemisch handelt es sich um Ethanol (C₂H₅OH). als Heldensubstanz? Die doppelte Moral der Popkultur

Während Cannabis häufig als Marker der Unzuverlässigkeit inszeniert wird, erscheint Alkohol in vielen Narrativen als stabilisierende Kraft. Die Figur, die Whiskey trinkt, um sich zu beruhigen oder Mut zu sammeln, steht im deutlichen Kontrast zum „Stoner“, der seinen Pflichten nicht nachkommt. Diese Differenz verweist auf kulturell gewachsene Wertordnungen: Nicht pharmakologische Eigenschaften sind entscheidend, sondern gesellschaftliche Zuschreibungen – ein zentrales Motiv sozialer Normierungsprozesse.

Popkulturelle SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität.: Was wir über Cannabis „lernen“

Über narrative Muster, stereotype Figuren und wiederkehrende visuelle Codes vermitteln Filme und Serien, was als normal, riskant oder deviant gilt. Sie tragen damit zu einer kulturellen Sozialisation bei, die nicht neutral ist. Im Sinne der Labeling-Theorie „lernen“ wir, welche Gruppen als problematisch gelten, und im Sinne der Cultural Criminology beobachten wir, wie Devianz durch Ästhetik und Emotionen erzeugt oder verstärkt wird.

 

Kurz erklärt:
Labeling ApproachTheorie der Kriminologie, die die Bedeutung gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse für die Entstehung von abweichendem Verhalten und Kriminalität betont.
Devianz entsteht nicht allein durch eine Handlung, sondern durch soziale Reaktionen. Popkulturelle „Stoner“-Figuren zeigen, wie Zuschreibungen Handlungsspielräume begrenzen und Identitäten prägen.
Cultural Criminology
Forschungsperspektive, die die emotionalen, symbolischen und ästhetischen Dimensionen von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. und Kontrolle untersucht – ideal für die Analyse stereotypischer Cannabis-Darstellungen in Film und Serie.

Playlist zum Thema: Cannabis in der Musik

Von Bob Marley bis Cypress Hill: Diese Playlist liefert den Soundtrack zum popkulturellen Cannabis-Universum. Die Songs oszillieren zwischen Protest, Entspannung und Rebellion.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von open.spotify.com zu laden.

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Fazit: Cannabis als kultureller, medizinischer und sozialer Marker

Ob Joint, Vaporizer oder Edible – die Art des Konsums ist Ausdruck sozialer Zugehörigkeit, kultureller Bedeutungen und individueller Bedürfnisse. Sie verweist auf Rituale, Subkulturen, aber auch auf medizinische Innovationen und gesellschaftliche Normalisierungsprozesse. In der Summe zeigt sich: Cannabis ist längst mehr als eine Substanz – es ist ein Spiegel sozialer Ordnung, kulturellen Wandels und popkultureller Ausdrucksformen.

Alle Teile der Cannabis-Serie:
1️⃣ Cannabis zwischen Heilmittel, Werkstoff und Kriminalisierung
2️⃣ Harry J. Anslinger und die Erfindung des Drogenproblems
3️⃣ Das KCanG in der Praxis – Regulierung, Kontrolle, Alltag
4️⃣ Cannabis auf Rezept – Ein Selbstversuch
5️⃣ Cannabis zwischen Konsumform, Subkultur und Popkultur

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Kategorie: Kriminologie, News Schlagworte: Cannabis, Cannabislegalisierung, Devianz, Drogenpolitik, Edibles, Konsumformen, Medizinisches Cannabis, Popkultur, Rausch, soziale Ungleichheit, Subkulturen, vaporizer

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Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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