Mythologies ist keine klassische Monographie, sondern eine Sammlung kurzer Analysen („Mythen“ des Alltags). Barthes nimmt Gegenstände, die als banal gelten, und zeigt: Sie sind kulturell aufgeladen. In ihnen werden Vorstellungen darüber transportiert, was als normal, gut, modern, männlich/weiblich, zivilisiert, patriotisch oder „vernünftig“ gilt.
Entscheidend ist dabei nicht, dass Menschen bewusst manipuliert würden. Entscheidend ist die Form: Mythen wirken, weil sie sich nicht wie Ideologie anfühlen. Sie kommen als Geschmack, Stil, Lebensgefühl oder „einfach gesunder Menschenverstand“ daher.
Was ist ein Mythos bei Barthes?
Kurzdefinition: Mythos (Barthes)
Ein Mythos ist bei Barthes eine Form von Bedeutung, die Geschichte in Natur verwandelt: Eine gesellschaftlich gemachte Deutung erscheint als selbstverständlich, logisch und „so ist es nun einmal“.
Barthes versteht Mythos nicht als alte Göttererzählung, sondern als modernes Bedeutungsformat. Ein Mythos ist eine Art „zweite Bedeutungsschicht“, die sich über Dinge, Bilder oder Worte legt. Die Folge: Politische Interessen und kulturelle Hierarchien wirken wie neutrale Realität.
Mythos als zweites Zeichensystem
Barthes baut auf Saussure auf: Ein Zeichen hat eine Form und eine Bedeutung. Barthes’ Zusatz ist nun: Dieses fertige Zeichen kann selbst wieder zum Material einer zweiten Bedeutungsebene werden. Genau das nennt er Mythos.
Erste Ordnung: Das Zeichen bedeutet etwas direkt Beschreibbares (Denotation).
Zweite Ordnung: Dieses Zeichen wird zum Träger einer kulturellen Botschaft (Mythos/Konnotation).
Wichtig: Der Mythos löscht die erste Bedeutung nicht. Er überlagert sie. Dadurch bleibt alles plausibel – und gerade deshalb wirksam.
Beispiel 1: Paris Match
Cover, Paris Match, No. 326, 25.-26. Juni 1955
Ich sitze beim Friseur, und man reicht mir eine Nummer von Paris-Match. Auf dem Titelbild erweist ein junger Neger in französischer Uniform den militärischen Gruß, den Blick erhoben und auf eine Falte der Trikolore gerichtet. Das ist der SinnBedeutung, Orientierung oder Zweck, den Menschen Handlungen, Erfahrungen oder der Welt zuschreiben. des Bildes. Aber ob naiv oder nicht, ich erkenne sehr wohl, was es mir bedeuten soll: daß Frankreich ein großes Imperium ist, daß alle seine Söhne, ohne Unterschied der Hautfarbe, treu unter seiner Fahne dienen und daß es kein besseres Argument gegen die Widersacher eines angeblichen Kolonialismus gibt als den Eifer dieses jungen Negers, seinen angeblichen Unterdrückern zu dienen. Ich habe also auch hier ein erweitertes semiologisches System vor mir: es enthält ein Bedeutendes, das selbst schon von einem vorhergesehenden System geschaffen wird (ein farbiger Soldat erweist den französischen militärischen Gruß), es enthält ein Bedeutetes (das hier eine absichtliche Mischung von Franzosentum und Soldatentum ist), und es enthält schließlich die Präsenz des Bedeuteten durch das Bedeutende hindurch. (Barthes, 2000, S. 95; Hervorhebungen im Original)
Hinweis: Der im Zitat verwendete Begriff „Neger“ entspricht dem historischen Sprachgebrauch der 1950er-Jahre und wird hier ausschließlich im Rahmen eines Originalzitats wiedergegeben. Der Begriff gilt heute als rassistisch. Seine unmarkierte Verwendung ist selbst Teil der kolonialen Normalität, die Barthes in diesem Beispiel analysiert.
Der Hanky Code macht sichtbar, wie Zeichen durch Konvention Bedeutung erhalten, ohne den Anschein von Natürlichkeit zu erzeugen. Genau hier setzt Barthes’ Kritik an: Problematisch wird Bedeutung dort, wo kulturelle Zuschreibungen nicht mehr als gemacht erscheinen, sondern als selbstverständlich, natürlich oder unvermeidlich. Diesen Prozess bezeichnet Barthes als Mythos.
Der sogenannte Hanky Code ist ein historisches Zeichensystem aus der US-amerikanischen Gay- und Leather-Subkultur der 1970er Jahre. Farbige Halstücher, meist in der Gesäßtasche getragen, fungierten als visuelle Signale zur KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren. sexueller Vorlieben, Rollen und Praktiken im öffentlichen Raum. Entscheidend war dabei nicht nur die Farbe des Tuchs, sondern auch die Seite, auf der es getragen wurde: links häufig als „aktiv/dominant“, rechts als „passiv/submissiv“ codiert.
Auf den ersten Blick handelt es sich um ein rein denotatives Zeichen: ein Stück Stoff, eine bestimmte Farbe, eine Platzierung am Körper. Ohne Kenntnis des Codes bleibt das Zeichen bedeutungslos oder wird als modisches Detail gelesen. Seine eigentliche Bedeutung erschließt sich ausschließlich innerhalb eines geteilten kulturellen Wissens.
Gerade hierin liegt seine analytische Stärke. Der Hanky Code macht sichtbar, dass Zeichen nicht „von selbst“ sprechen. Bedeutung entsteht erst durch kollektive Übereinkunft. Farbe, Stoff und Trageweise fungieren als Signifikanten, deren Signifikat – also die zugeschriebene Bedeutung – vollständig sozial konstruiert ist.
Im Sinne von Roland Barthes lässt sich der Hanky Code als Beispiel für ein bewusst reflektiertes Zeichensystem lesen, das gerade nicht naturalisiert ist. Die Beteiligten wissen, dass es sich um einen Code handelt. Bedeutung wird nicht als selbstverständlich ausgegeben, sondern als konventionell vorausgesetzt. Der Code funktioniert nur, weil er als solcher erkannt wird.
Damit unterscheidet sich der Hanky Code grundlegend von mythischen Zeichen im barthesianischen Sinne. Während Mythen kulturelle Bedeutungen als „natürlich“ erscheinen lassen, bleibt der Hanky Code explizit kulturell, situativ und kontextabhängig. Er zeigt exemplarisch, wie Zeichen, Bedeutung und soziale Ordnung miteinander verschränkt sind – ohne den Anschein von Natürlichkeit zu erzeugen.
Gerade diese Transparenz macht den Hanky Code aus barthesianischer Sicht interessant: Er zeigt, wie Zeichen funktionieren können, ohne</em sich als Natur auszugeben. Der Code verweigert die mythologische Tarnung – und ist damit das Gegenteil ideologischer Kommunikation.
Das Beispiel eignet sich daher besonders gut, um die Unterscheidung zwischen Denotation (sichtbares Zeichen) und Konnotation (zugeschriebene Bedeutung) anschaulich zu machen: Dass ein gelbes, schwarzes oder blaues Tuch bestimmte sexuelle Praktiken „bedeutet“, ist kein Naturfaktum, sondern Ergebnis einer spezifischen sozialen Praxis.
Naturalisierung: Wie Ideologie unsichtbar wird
Barthes’ Schlüsselbegriff ist die Naturalisierung. Mythen nehmen historisch-kulturelle Entscheidungen und präsentieren sie als naturgegeben. So werden soziale Ordnungen stabil, ohne dass ständig argumentiert werden muss.
Typische Signale von Naturalisierung sind Formeln wie:
„Das ist doch normal.“
„Das war schon immer so.“
„Das sieht man doch.“
„Das ist einfach gesunder Menschenverstand.“
Soziologisch ist das hoch relevant: Sobald etwas als Natur erscheint, wird Kritik unplausibel. Wer widerspricht, wirkt überempfindlich, ideologisch oder realitätsfern – und genau darin liegt die Macht des Mythos.
Beispiel: „Nachhaltigkeit“ als Bildmythos
Man stelle sich eine Anzeige vor: Ein großer SUV steht vor einem Wald, daneben ein Kind, dazu Begriffe wie „Future“, „Care“, „Pure“. Auf der ersten Ebene sehen wir schlicht Auto, Natur, Kind, Farben, Logos. Auf der zweiten Ebene entsteht der Mythos: Dieses Produkt steht für Verantwortung, Zukunft und moralische Richtigkeit.
Das Entscheidende ist nicht, ob das faktisch stimmt. Der Mythos wirkt über Form und Atmosphäre. Die Botschaft lautet nicht: „Kauf das Auto.“ Sie lautet: „Wer so kauft, ist ein guter Mensch.“ Die gesellschaftliche Frage nach Ressourcen, Emissionen oder Konsum wird in ein Gefühl von Natürlichkeit und MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt. verwandelt.
Mythos, Medien und politische Kommunikation
Wie stark Bedeutung von medialer Rahmung abhängt, lässt sich besonders anschaulich an einem berühmten Beispiel aus der Filmgeschichte zeigen. In einer kurzen Sequenz erläutert Alfred Hitchcock, wie ein identisches Gesicht je nach Schnittfolge völlig unterschiedliche Bedeutungen annimmt – Fürsorge, Begehren, Trauer oder Bedrohung. Nicht das Bild selbst trägt die Bedeutung, sondern seine Einbettung.
Dieses Beispiel verdeutlicht präzise, was Roland Barthes mit dem Mythos als zweitem Zeichensystem beschreibt: Bedeutung entsteht nicht durch Fakten oder Argumente, sondern durch Inszenierung, Kontext und Wiederholung.
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Barthes ist damit ein früher Klassiker der Medienanalyse. Mythen sind besonders dort effektiv, wo Bilder, Schlagwörter und Ritualformen dominieren: in Werbung, PR, Popkultur und politischer Inszenierung. Nicht das Argument überzeugt, sondern die Rahmung: Welche Assoziationen werden aktiviert? Welche EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. werden normalisiert? Welche Gruppen werden als „wir“ präsentiert – und welche als „Problem“?
Für die Gegenwartsanalyse ist das anschlussfähig: Mythen funktionieren auch in digitalen Öffentlichkeiten – oft schneller, affektiver, visueller. Der Kern bleibt derselbe: Bedeutung wird so gesetzt, dass sie nicht gesetzt wirkt.
Zeichen, Diskurse, Macht: Barthes, Foucault und die Ebenen kultureller Ordnung
Die Nähe zwischen Roland Barthes und Michel Foucault ist offensichtlich. Beide interessieren sich für die Frage, wie soziale Ordnung, Wahrheit und Normalität nicht einfach gegeben sind, sondern kulturell hergestellt werden. In vielen empirischen Beispielen – etwa nationalen Symbolen, medialen Bildern oder Alltagsroutinen – können semiotische und diskurstheoretische Analysen zu sehr ähnlichen Ergebnissen gelangen.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch weniger im Was als im Wo der Analyse. Barthes, Foucault und – implizit – auch Bourdieu operieren auf unterschiedlichen Ebenen derselben Ordnung.
Barthes setzt auf der Ebene der Zeichen und Bilder an. Er fragt, wie kulturelle Bedeutungen entstehen, wie sie sich zu Mythen verdichten und warum sie als natürlich erscheinen. Sein Fokus liegt auf der Symboltechnik moderner Gesellschaften: darauf, wie Ideologie nicht argumentiert, sondern sichtbar gemacht wird. Der Mythos wirkt dort am stärksten, wo er nicht als Deutung erkannt wird.
Foucault verschiebt den Blick von der Zeichenform auf die Regime der Wahrheit, in denen Bedeutungen zirkulieren. Ihn interessiert weniger das einzelne Bild als das Ensemble aus Diskursen, Institutionen, Praktiken und Wissensformen, das Subjekte hervorbringt und ordnet. Wo Barthes die Naturalisation von Bedeutung analysiert, untersucht Foucault die Produktionsbedingungen dessen, was überhaupt als wahr, normal oder sagbar gilt.
Beide Perspektiven widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Barthes zeigt, wie Bedeutung ästhetisch verdichtet und entpolitisiert wird; Foucault erklärt, warum diese Bedeutungen wirksam sind – weil sie in institutionelle Routinen, Machtpraktiken und Selbstverhältnisse eingebettet sind.
In dieser Kombination wird sichtbar: Mythen sind keine bloßen kulturellen Illusionen, sondern funktionale Elemente sozialer Ordnung. Sie stabilisieren Diskurse, indem sie ihnen Evidenz verleihen. Diskurse wiederum verleihen Mythen Dauer, indem sie sie institutionell absichern.
Damit lässt sich Barthes als Analyse der symbolischen Oberfläche lesen, Foucault als Analyse der machtförmigen Tiefenstruktur. Erst im Zusammenspiel beider Ansätze wird verständlich, wie soziale Wirklichkeit zugleich gesehen, geglaubt und durchgesetzt wird.
Didaktischer Vergleich: Roland Barthes und Pierre Bourdieu
Aspekt
Roland Barthes
Pierre Bourdieu
Zentraler Fokus
Analyse von Zeichen, Bildern und kulturellen Bedeutungen
Analyse sozialer Ungleichheit, Macht und sozialer Praxis
1. Zeichen- und Bedeutungsebene (Barthes)
Wie wird etwas dargestellt?
Welche Bilder, Symbole und Zeichen erzeugen den Eindruck von Natürlichkeit?
→ Mythos, Konnotation, Naturalisation
2. Diskurs- und Machtebene (Foucault)
Welche Wissensordnungen, Institutionen und Praktiken stabilisieren diese Bedeutungen?
Was gilt als wahr, normal oder sagbar?
→ Diskurs, Macht/Wissen, Normalisierung
3. Praxis- und Ungleichheitsebene (Bourdieu)
Wer kann diese Bedeutungen lesen, nutzen oder durchsetzen?
Wie sind Wahrnehmung und Geschmack sozial ungleich verteilt?
→ Habitus, Kapital, symbolische Macht
Bedeutung für die Soziologie
Barthes liefert ein präzises Instrument zur Analyse moderner Kultur: Er zeigt, dass soziale Ordnung nicht nur durch Gesetze, Institutionen oder Interessen stabilisiert wird, sondern durch ästhetische Selbstverständlichkeiten. Mythen machen Deutungen „leicht“, entlasten von Komplexität und schaffen kulturelle Evidenz.
Mythologies ist ein Schlüsselwerk, weil es einen Perspektivwechsel erzwingt: Nicht nur große Ideologien sind relevant, sondern die kleinen kulturellen Selbstverständlichkeiten. Barthes macht sichtbar, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse über Zeichen „weich“ werden – und genau dadurch hartnäckig.
Wer Mythen erkennt, sieht nicht „die Wahrheit hinter den Dingen“, sondern die Gemachtheit dessen, was als Natur erscheint. Das ist keine Kleinigkeit – es ist eine soziologische Grundkompetenz.
Literatur
Barthes, R. (1957). Mythologies. Seuil.
Barthes, R. (2000). Mythen des Alltags. edition suhrkamp.
Foucault, Michel (1971). Die Ordnung des Diskurses. Fischer.
Hall, Stuart (1980). Encoding/Decoding. In: Hall et al. (Hg.): Culture, Media, Language. Hutchinson.
Saussure, Ferdinand de (1916). Cours de linguistique générale. Lausanne/Paris.