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Labelling – primäre und sekundäre Devianz (Lemert)

Zuletzt aktualisiert: 30. März 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Edwin M. Lemert entwickelte mit der Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. einen zentralen Baustein des Labelling Ansatzes. Während primäre Devianz erste Normverletzungen bezeichnet, beschreibt sekundäre Devianz die Stabilisierung abweichenden Verhaltens infolge gesellschaftlicher Reaktionen und Etikettierungen.

Ein Individuum begeht zunächst primäre Devianz. Durch einen Prozess des Labelling (Etikettierung) wird ihm die RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. des Devianten zugeschrieben. Als Reaktion auf diese Rollenzuweisung („Du bist kriminell!“) passt der Etikettierte sein Verhalten zunehmend an („Dann bin ich eben kriminell!“). Diese Dynamik beschreibt Lemert als sekundäre Devianz.

Inhaltsverzeichnis

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  • Labelling-Ansatz nach Lemert (primäre und sekundäre Devianz)
    • Primäre und sekundäre Devianz nach Edwin M. Lemert
    • Theoretische Fundierung des Labelling-Ansatzes
    • Primäre Devianz
    • Sekundäre Devianz
  • Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug
    • Der Aufschaukelungsprozess und die Self-Fulfilling Prophecy
  • Kriminalpolitische Implikationen des Labelling-Ansatzes
  • Literatur
    • Primärliteratur
    • Weiterführende Informationen
      • Interview mit Edwin M. Lemert

Labelling-Ansatz nach Lemert (primäre und sekundäre Devianz)

In seinem 1951 erschienenen Buch Social Pathology entwickelt Lemert das Konzept der sekundären Devianz. Die Perspektive entwickelt er 1967 in seinem Buch Human deviance, social problems, and social control weiter. Obwohl Lemert selbst den Begriff der gesellschaftlichen Reaktion dem Begriff des Labelings vorzog, ist Lemerts Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Devianz eine entscheidende Entwicklung bei der Formulierung der Labeling-Theorie.

Primäre und sekundäre Devianz nach Edwin M. Lemert

Hauptvertreter: Edwin M. Lemert

Erstveröffentlichung: 1951 (Social Pathology)

Land: USA

Idee/ Annahme: Lemert unterscheidet zwischen primärer Devianz (erste abweichende Handlungen ohne Identitätsänderung) und sekundärer Devianz (abweichendes Verhalten als Reaktion auf gesellschaftliche StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen. und Etikettierung). Durch soziale Reaktionen verfestigt sich deviantes Verhalten.

Knüpft an: Symbolischer Interaktionismus (z.B. George H. Mead, Charles Horton Cooley)

Theoretische Fundierung des Labelling-Ansatzes

Der Labelling-Ansatz basiert auf den Grundannahmen des Symbolischen Interaktionismus. Zentral ist die Vorstellung, dass soziale Wirklichkeit durch zwischenmenschliche Interaktionen konstruiert wird. Bedeutungen entstehen nicht objektiv, sondern im Austausch zwischen Akteuren.

Für den Labelling-Ansatz bedeutet dies: Abweichendes Verhalten ist kein inhärentes Merkmal einer Handlung, sondern das Ergebnis sozialer Definitionen und Reaktionen. Menschen übernehmen im Laufe der InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten. gesellschaftlich zugeschriebene Rollen – etwa die Rolle des „Kriminellen“.

Wichtige Impulsgeber waren George Herbert Mead (Konzept des „Self“ und der sozialen IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt.) und Charles Horton Cooley (Theorie des „Looking-Glass Self“), die beide betonten, dass das Selbstbild durch die Wahrnehmung und Bewertung anderer entsteht.

Primäre Devianz

Primäre Devianz bezeichnet erste Formen von abweichendem Verhalten, die aus unterschiedlichen sozialen oder individuellen Ursachen entstehen können. Der Begriff bezeichnet abweichendes Verhalten, das aus individuellen oder sozialen Ursachen entsteht und zunächst keine dauerhafte Veränderung der sozialen Identität nach sich zieht. Während primäre Devianz zwar als unerwünscht erkannt wird, wirkt sie sich nicht weiter auf den Status und das Selbstbild des/der Devianten aus. Der/die Deviante definiert sich selber nicht über die Devianz, sondern rationalisiert und verharmlost sie. Somit kann ein positives Selbstbild, welches mit der eigenen Rolle in der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. einhergeht, aufrecht gehalten werden.

Sekundäre DevianzAbweichendes Verhalten, das als Reaktion auf gesellschaftliche Sanktionen entsteht und sich durch soziale Stigmatisierung verfestigt.

Sekundäre Devianz wird durch auf die primäre Devianz folgende Reaktionen ausgelöst. Die gesellschaftliche Reaktion auf deviantes Verhalten sorgt dafür, dass der/die Deviante stigmatisiert wird. Diese gesellschaftlichen Reaktionen beinhalten, dass der/die Deviante als kriminell gelabelt (etikettiert) wird. Dieses Label widerspricht jedoch dem Selbstbild des Etikettierten und ist somit nicht rollenkonform. Um der dadurch entstehenden kognitiven Dissonanz zu entweichen, übernimmt das Individuum letztendlich das Label „deviant“ oder „kriminell“ und passt sein zukünftiges Verhalten dementsprechend an.

Der Übergang von primärer zu sekundärer Devianz stellt für Lemert einen Aufschauklungsprozess dar. Auf zunehmende Devianz folgen zunehmend intensivere gesellschaftliche Reaktionen, welche dafür sorgen, dass sich Devianz verfestigt.

Lemerts Konzept der sekundären Devianz bereitete den Boden für spätere Theorien wie die radikale Labeling-Theorie (Fritz Sack) oder Konzepte wie Reintegrative Shaming (John Braithwaite), die den gesellschaftlichen Umgang mit Devianz differenzierter analysierten.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Die Ansätze von Edwin M. Lemert und Howard S. Becker zählen sicherlich zu den einflussreichsten Theorien, der (kritischen) Kriminologie. Das Verständnis, dass StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen. und soziale Sanktionen paradox wirken können und weiteres deviantes Verhalten hervorrufen können, beeinflusste eine Vielzahl von anderen Theorien.

Seit ihrer Entstehung sind Labeling-Theorien jedoch auch häufig Kritik ausgesetzt gewesen. An Lemerts Theorie kann insbesondere kritisiert werden, dass er der primären Devianz nicht genug Gewicht beimisst. Es ist fraglich, welchen Anteil eines devianten Verhaltens mittels Lemerts Theorie wirklich erklärt werden. Kritisiert wird insbesondere, ob Delikte die als sekundäre Devianz gekennzeichnet werden können, nicht nur einen kleinen Anteil ausmachen. Dieser Kritikpunkt wird vermehrt von Verfechtern der positivistischen KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. hervorgebracht. Diese vertreten häufig den Standpunkt, dass sekundäre Devianz (wenn überhaupt) nur einen relative geringen Anteil von kriminellem Verhalten erklären kann. Für sie ist hingegen die Frage viel interessanter, warum Menschen überhaupt anfangen, deviantes Verhalten zu zeigen.

Vom anderen Ende des politischen Spektrums werden Beckers und Lemerts Ansätze dafür kritisiert, dass sie überhaupt von der Existenz primärer Devianz ausgehen. Der Ansatz des Radikalen Labeling nach Fritz Sack zum Beispiel geht davon aus, dass Devianz ubiquitär ist. Aus dieser Perspektive ist einzig und allein der Vorgang des Labelings dafür verantwortlich, wen wir als kriminell bezeichnen und wen nicht.

Der Aufschaukelungsprozess und die Self-Fulfilling Prophecy

Nach Lemert führt die gesellschaftliche Etikettierung dazu, dass eine Person zunehmend als „abweichend“ behandelt wird. Diese Behandlung verändert das Selbstbild des Etikettierten, der sich schließlich selbst als abweichend wahrnimmt. Dadurch wird abweichendes Verhalten verstärkt und stabilisiert. Dieser Kreislauf beschreibt eine klassische Self-Fulfilling Prophecy (selbsterfüllende Prophezeiung): Eine soziale ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten. bewirkt genau das Verhalten, das sie ursprünglich unterstellt.

Ein weiterer Kritikpunkt an Labelling-Ansätzen ist, dass sie sich zumeist nur auf bestimmte ‚leichte‘ Formen der Kriminalität beziehen. Es ist fraglich, inwieweit Taten wie Mord, VergewaltigungVergewaltigung bezeichnet eine besonders schwere Form sexueller Gewalt, bei der sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer Person vorgenommen werden. oder Kriegsverbrechen wirklich nur deshalb als kriminell anzusehen sind, weil sie als solche gelabelt werden. Auch ist es fraglich, welche Rolle der Aspekt der Etikettierung bei ‚verdeckten‘ Formen der Devianz (z.B. Steuerhinterziehung, Kindesmissbrauch) spielt.

Kriminalpolitische Implikationen des Labelling-Ansatzes

Da Labelling-Ansätze davon ausgehen, dass gesellschaftliche Reaktionen auf deviantes Verhalten einen verstärkenden Effekt auf dieses haben (können), legen sie nahe, dass diese Formen der ‚etikettierenden‘ Interventionen möglichst vermieden werden sollten.

EntkriminalisierungDie Reduzierung oder Aufhebung strafrechtlicher Sanktionen für bestimmte Handlungen., alternative Konfliktlösungsmodelle und Deinstitutionalisierung sind demnach vielversprechende Maßnahmen, um sekundärer Devianz vorzubeugen. Stigmatisierende Strafen und ein stigmatisierender Umgang der Polizei mit Tatverdächtigen sollten dagegen vermieden werden.

Die wichtigste kriminalpolitische Implikation von Labeling-Theorien ist, dass ‚Law and Order‘ (siehe hier) und andere intensive und repressive Formen des Policings eine paradoxe, nicht-intendierte Wirkung haben können – also dazu führen können, dass Kriminalitätsraten steigen und nicht sinken.

Mit den kriminalpolitischen Implikationen der Labeling Theorien haben sich auch John Braithwaite und Lawrence Sherman in ihrem Konzept von Restorative JusticeRestorative Justice (wiedergutmachende Gerechtigkeit) ist ein Ansatz im Strafrecht, der darauf abzielt, die durch eine Straftat entstandenen Schäden durch Dialog und Wiedergutmachung zwischen Täter, Opfer und Gemeinschaft zu beheben. beschäftigt.

Literatur

Primärliteratur

  • Lemert, Edwin M. (1951) Social Pathology: a Systematic Approach to the Theory of Sociopathic Behavior. New York u.a.: McGraw-Hill.
  • Lemert, Edwin M. (1967). Human deviance, social problems, and social control. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.
  • Lemert Edwin M. (2016) Der Begriff der sekundären Devianz. In: Klimke D., Legnaro A. (Hrsg.) Kriminologische Grundlagentexte (S. 125-137). Wiesbaden: Springer VS.

Weiterführende Informationen

  • Nachruf auf Edwin M. Lemert: http://www.sonoma.edu/ccjs/info/Edintro.html
  • Societal Reaction and the Contribution of Edwin M. Lemert

Interview mit Edwin M. Lemert

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Devianz, Devianzkarriere, Edwin M. Lemert, Etikettierungstheorie, Fritz Sack, Howard S. Becker, Labelling Ansatz, primäre Devianz, sekundäre Devianz, Self-Fulfilling Prophecy, soziale Kontrolle, Stigmatisierung, Symbolischer Interaktionismus

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