Collective Efficacy (dt.: kollektive Handlungsfähigkeit) bezeichnet die Fähigkeit einer Nachbarschaft, gemeinsame Normen durchzusetzen und informelle soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. auszuüben. Die Theorie wurde von Robert J. Sampson, Stephen W. Raudenbush und Felton Earls entwickelt und gilt heute als eine der wichtigsten Weiterentwicklungen der klassischen Theorie der Sozialen Desorganisation.
Merkzettel
Collective Efficacy Theory
Hauptvertreter: Robert J. Sampson, Stephen W. Raudenbush, Felton Earls
Erstveröffentlichung: 1997
Land: USA
Idee / Annahme: KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. hängt nicht allein von sozialen Problemen wie Armut oder Segregation ab, sondern von der Fähigkeit einer Nachbarschaft, gemeinsame Normen durchzusetzen und informelle soziale Kontrolle auszuüben.
Knüpft an:
Die Collective-Efficacy-Theorie nach Sampson
Die Collective-Efficacy-Theorie entstand aus Untersuchungen zur Kriminalität in den Stadtvierteln Chicagos. Sampson und seine Kollegen stellten fest, dass sich Kriminalitätsraten nicht allein durch ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben., ethnische Zusammensetzung oder Wohnungsfluktuation erklären lassen. Vielmehr unterscheiden sich Nachbarschaften darin, wie stark ihre Bewohner miteinander verbunden sind und in welchem Maße sie bereit sind, Verantwortung für ihr unmittelbares Umfeld zu übernehmen.
Im Zentrum der Theorie steht die Annahme, dass soziale Ordnung nicht primär durch PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. oder Strafjustiz entsteht, sondern durch alltägliche Prozesse informeller sozialer Kontrolle. Nachbarn beobachten öffentliche Räume, sprechen Jugendliche auf problematisches Verhalten an, organisieren sich in Vereinen oder Initiativen und entwickeln gemeinsame Vorstellungen darüber, welches Verhalten akzeptabel ist.
Collective Efficacy setzt sich aus zwei eng miteinander verbundenen Elementen zusammen:
- Sozialer Zusammenhalt und Vertrauen: Bewohner identifizieren sich mit ihrer Nachbarschaft und vertrauen einander.
- Informelle soziale KontrolleInformelle soziale Kontrolle bezeichnet nichtstaatliche Mechanismen der Verhaltensregulation durch soziale Beziehungen.: Bewohner sind bereit, bei Regelverletzungen einzugreifen oder gemeinschaftlich Verantwortung für das Wohnumfeld zu übernehmen.
Erst das Zusammenwirken beider Faktoren ermöglicht eine wirksame soziale Kontrolle. Vertrauen allein reicht ebenso wenig aus wie die bloße Bereitschaft zum Eingreifen.
Collective Efficacy und Kriminalität
Nach Sampson sinkt die Wahrscheinlichkeit von Kriminalität dort, wo Nachbarschaften über ein hohes Maß an Collective Efficacy verfügen. Bewohner achten aufeinander, greifen bei Konflikten ein und setzen gemeinsame Normen durch. Dadurch entstehen soziale Netzwerke, die Kriminalität erschweren und zugleich das SicherheitsgefühlSicherheitsgefühl beschreibt das subjektive Empfinden einer Person, vor Kriminalität und Gefahren geschützt zu sein. stärken.
Die Theorie erklärt damit, weshalb manche benachteiligte Stadtteile trotz hoher Armutsquoten vergleichsweise geringe Kriminalitätsraten aufweisen. Umgekehrt können auch wirtschaftlich stabile Wohngebiete anfällig für soziale Probleme werden, wenn sozialer Zusammenhalt und gegenseitiges Vertrauen fehlen.
Bezug zur Sozialen Desorganisation und Broken Windows
Die Collective-Efficacy-Theorie knüpft unmittelbar an die Theorie der Sozialen Desorganisation an. Während Shaw und McKay vor allem die strukturellen Ursachen geschwächter sozialer Kontrolle untersuchten, richtet Sampson den Blick auf die konkreten Mechanismen, durch die Nachbarschaften Kriminalität begrenzen können.
Gleichzeitig stellt die Theorie eine wichtige Ergänzung zur Broken-Windows-Theorie dar. Während Wilson und Kelling sichtbare Zeichen von Unordnung (Incivilities) als Auslöser weiterer Normverletzungen betrachten, argumentiert Sampson, dass hinter solchen Erscheinungen häufig ein tieferliegendes Problem mangelnder kollektiver Handlungsfähigkeit steht und nicht die Erscheinungen selbst die eigentliche Ursache von Kriminalität darstellen.
Empirische Befunde
Zu den bekanntesten Untersuchungen zählt das Project on Human Development in Chicago Neighborhoods (PHDCN). Die Studien zeigten, dass Collective Efficacy ein starker Prädiktor für GewaltkriminalitätUnter Gewaltkriminalität werden Straftaten verstanden, bei denen physische Gewalt gegen Personen angewendet oder angedroht wird., Jugenddelinquenz und das Sicherheitsgefühl der Bewohner ist. Der Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn Faktoren wie Armut, ethnische Heterogenität oder Wohnungsfluktuation statistisch kontrolliert wurden.
Mit der Collective-Efficacy-Theorie verlagerte Sampson den Fokus der Forschung von den Defiziten einzelner Stadtteile auf deren soziale Handlungsfähigkeit. Der Ansatz zählt heute zu den einflussreichsten Beiträgen der modernen Stadt- und Kriminalsoziologie.
Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug
Die Collective-Efficacy-Theorie hat die Forschung zur Sozialen Desorganisation erheblich weiterentwickelt. Ihre Stärke liegt darin, dass sie nicht nur strukturelle Benachteiligung beschreibt, sondern erklärt, warum manche Nachbarschaften trotz schwieriger Bedingungen handlungsfähig bleiben. Damit vermeidet sie eine rein defizitorientierte Sicht auf benachteiligte Stadtteile.
Kritisch diskutiert wird jedoch, dass Collective Efficacy nicht leicht herstellbar ist. Soziales Vertrauen, gemeinsame NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und informelle Kontrolle entstehen nicht allein durch kriminalpolitische Programme, sondern hängen mit langfristigen sozialen Beziehungen, Wohnstabilität, institutioneller Unterstützung und gesellschaftlicher Teilhabe zusammen.
Aus der Perspektive kritischer KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. lässt sich ferner fragen, ob Formen informeller sozialer Kontrolle nicht nur soziale Integration fördern, sondern auch Prozesse sozialer Ausgrenzung begünstigen können.
Zudem wird eingewandt, dass die Theorie stark auf Untersuchungen amerikanischer Großstädte zurückgeht. In europäischen Wohlfahrtsstaaten übernehmen Polizei, Schulen, Sozialarbeit und kommunale Institutionen vielfach Aufgaben, die in den USA stärker durch lokale Gemeinschaften getragen werden. Dennoch zeigen zahlreiche Studien auch für europäische Gesellschaften, dass Vertrauen, soziale Netzwerke und die Bereitschaft zum Eingreifen wichtige Faktoren für SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. und Kriminalitätskontrolle darstellen.
Zudem besteht die Gefahr, Verantwortung einseitig auf Nachbarschaften zu verlagern. Wenn Kriminalität vor allem als Problem fehlender lokaler Kontrolle verstanden wird, können strukturelle Ursachen wie Armut, Segregation, Wohnungsmarktpolitik oder soziale Ungleichheit aus dem Blick geraten.
Anwendungsbezug: Welche Kriminalität erklärt die Collective-Efficacy-Theorie?
Besonders geeignet für:
Jugenddelinquenz, Gewaltkriminalität, Nachbarschaftskriminalität sowie Unterschiede zwischen sozial benachteiligten Stadtteilen.
Fallbeispiel
Zwei Wohnviertel weisen vergleichbare Armutsquoten, Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsstruktur auf. Dennoch unterscheidet sich die Kriminalitätsbelastung erheblich. Während im ersten Viertel Nachbarn aufeinander achten, Jugendliche ansprechen und sich in lokalen Initiativen engagieren, ziehen sich die Bewohner des zweiten Viertels weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück.
Interpretation mit der Collective-Efficacy-Theorie
Nach Robert Sampson hängt Kriminalität entscheidend von der kollektiven Handlungsfähigkeit einer Nachbarschaft ab. Dort, wo gegenseitiges Vertrauen besteht und Bewohner bereit sind, Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen, kann informelle soziale Kontrolle entstehen. Im vorliegenden Beispiel verfügt das erste Viertel über eine hohe Collective Efficacy, wodurch Regelverletzungen frühzeitig begrenzt werden können. Im zweiten Viertel fehlen solche gemeinschaftlichen Kontrollmechanismen.
Grenzen der Erklärung
Die Theorie erklärt besonders überzeugend, weshalb manche benachteiligte Stadtteile trotz Armut relativ geringe Kriminalitätsraten aufweisen. Weniger überzeugend beantwortet sie die Frage, wie individuelles kriminelles Verhalten entsteht. Zur Erklärung individueller Tatentscheidungen werden häufig die Bindungstheorie, die Theorie der differentiellen Kontakte oder die Situational Action Theory herangezogen. Inhaltlich stellt die Collective-Efficacy-Theorie eine wichtige Weiterentwicklung der Theorie der Sozialen Desorganisation dar und liefert eine empirisch fundierte Alternative zur Broken-Windows-Theorie.
Kriminalpolitische Implikationen
Kriminalpolitisch legt die Collective-Efficacy-Theorie nahe, KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. nicht allein auf Polizei, Überwachung oder situative Sicherungstechniken zu stützen. Entscheidend ist vielmehr die Stärkung lokaler sozialer Netzwerke, nachbarschaftlicher Verantwortung und institutioneller Unterstützung.
Präventive Maßnahmen können daher an der Förderung von Nachbarschaftsinitiativen, Quartiersarbeit, Jugendangeboten, stabilen Wohnverhältnissen und Beteiligungsmöglichkeiten ansetzen. Ziel ist nicht nur die Kontrolle abweichenden Verhaltens, sondern die Stärkung sozialer Beziehungen und kollektiver Handlungsfähigkeit.
Damit unterscheidet sich die Collective-Efficacy-Theorie deutlich von kriminalpolitischen Strategien, die auf Zero Tolerance Policing oder rein repressive Maßnahmen setzen. Während Broken-Windows-Ansätze häufig auf die schnelle Beseitigung sichtbarer Unordnung fokussieren, fragt Sampson stärker nach den sozialen Bedingungen, unter denen Nachbarschaften selbst handlungsfähig werden.
Die Theorie kann als Argument für präventive Investitionen in Bildung, Sozialarbeit, Nachbarschaftsentwicklung und kommunale Infrastruktur gelesen werden. Sie legt nahe, dass Sicherheit nicht allein durch Polizei und Strafjustiz entsteht, sondern wesentlich von sozialem Vertrauen und lokaler Handlungsfähigkeit abhängt.
Literatur
Primärliteratur
- Sampson, R. J., Raudenbush, S. W. & Earls, F. (1997): Neighborhoods and Violent Crime: A Multilevel Study of Collective Efficacy. Science, 277(5328), 918–924.
- Sampson, R. J. (2012): Great American City: Chicago and the Enduring Neighborhood Effect. Chicago: University of Chicago Press.
Sekundärliteratur
- Bruinsma, G. J. N. & Weisburd, D. (Hrsg.) (2014): Encyclopedia of Criminology and Criminal Justice. New York: Springer.
- Newburn, T. (2017): Criminology. 3. Auflage. London: Routledge.
- Walklate, S. (2016): Criminology: The Basics. 3. Auflage. London: Routledge.