KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. gehört zu den Themen, die in modernen Gesellschaften besonders viel Aufmerksamkeit erhalten. Straftaten werden in Nachrichtensendungen berichtet, in Filmen und Serien inszeniert, in Podcasts diskutiert, in Musik verarbeitet und in sozialen Netzwerken kommentiert. Gleichzeitig haben die meisten Menschen nur selten unmittelbare Erfahrungen mit schweren Straftaten, Gerichtsverfahren oder dem Strafvollzug. Unser Wissen über Kriminalität entsteht daher zu einem erheblichen Teil durch mediale Vermittlung.
Die Medienkriminologie beschäftigt sich mit genau diesem Zusammenhang. Sie untersucht, wie Kriminalität, Devianz, Polizei, Strafe und soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. in Medien dargestellt werden, welche gesellschaftlichen Wirkungen diese Darstellungen entfalten und wie Medien selbst zu Orten von Devianz, Konflikten und Kriminalität werden können.
Warum Medienkriminologie?
Wer an Kriminalität denkt, hat häufig konkrete Bilder vor Augen: den maskierten Bankräuber, den Serienmörder, den korrupten Polizisten oder das überfüllte GefängnisDas Gefängnis ist eine staatliche Institution des Freiheitsentzugs, die als zentrale Sanktionsform moderner Strafrechtssysteme dient.. Viele dieser Vorstellungen stammen jedoch nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus Medienberichten, Fernsehserien, Filmen, Büchern oder sozialen Netzwerken.
Für die meisten Menschen bleibt Kriminalität eine indirekte Erfahrung. Nur wenige werden selbst Opfer schwerer Straftaten oder kommen regelmäßig mit Polizei, Gerichten oder Gefängnissen in Kontakt. Medien übernehmen daher eine wichtige Vermittlungsfunktion. Sie informieren über Kriminalität, schaffen Orientierung und ermöglichen öffentliche Debatten über SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. und soziale Ordnung.
Gleichzeitig können mediale Darstellungen verzerrte Bilder erzeugen. Bestimmte Delikte erhalten große Aufmerksamkeit, während andere kaum sichtbar werden. Einzelne Gruppen geraten regelmäßig in den Fokus öffentlicher Berichterstattung, während strukturelle Probleme wie Wirtschaftskriminalität, Umweltkriminalität oder häusliche GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. oftmals weniger Beachtung finden. Medien beeinflussen damit nicht nur, was Menschen über Kriminalität wissen, sondern auch, wovor sie sich fürchten und welche kriminalpolitischen Maßnahmen sie unterstützen.
Aus medienkriminologischer Perspektive bilden Medien Kriminalität dabei nicht einfach neutral ab. Bereits die Auswahl bestimmter Ereignisse, die Entscheidung über Platzierung, Bildsprache oder Dramatisierung beeinflusst, wie gesellschaftliche Probleme wahrgenommen werden. Nicht jede Straftat wird zur Nachricht, und nicht jede Nachricht erhält die gleiche Aufmerksamkeit. Die Medienkriminologie interessiert sich daher nicht nur für Kriminalität selbst, sondern auch für die Prozesse ihrer gesellschaftlichen Sichtbarmachung und Deutung.
Was untersucht die Medienkriminologie?
Die Medienkriminologie umfasst ein breites Spektrum an Forschungsfragen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere vier Bereiche:
- Die Darstellung von Kriminalität: Wie berichten Medien über Straftaten? Welche Täter- und Opferbilder entstehen? Warum erhalten bestimmte Delikte besonders viel Aufmerksamkeit?
- Die Darstellung von Kontrolle: Wie werden PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Gerichte, Gefängnisse oder Überwachungssysteme dargestellt? Welche Vorstellungen von Sicherheit und sozialer Ordnung werden vermittelt?
- Die Wirkung medialer Darstellungen: Beeinflussen Medien das SicherheitsgefühlSicherheitsgefühl beschreibt das subjektive Empfinden einer Person, vor Kriminalität und Gefahren geschützt zu sein.? Tragen sie zur Entstehung von Kriminalitätsfurcht oder moralischen Paniken bei?
- Kriminalität in digitalen Medien: Welche neuen Formen von DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. und Kriminalität entstehen im Kontext sozialer Netzwerke, Plattformen und digitaler Öffentlichkeiten?
Die Medienkriminologie bewegt sich damit an der Schnittstelle von KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., Soziologie, Medienwissenschaft und Kulturwissenschaft.
Massenmedien bezeichnet Medienangebote, die Inhalte an ein großes, räumlich verstreutes Publikum verbreiten. Zu den klassischen Massenmedien zählen Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen. Charakteristisch ist eine überwiegend einseitige KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren.: Wenige Produzenten senden Inhalte an viele Empfänger.Die Analyse von Kriminalitätsdarstellungen in den Massenmedien bildete lange Zeit den Schwerpunkt der Medienkriminologie. Erst mit der Verbreitung sozialer Netzwerke und digitaler Plattformen verschwimmen die Grenzen zwischen Produzenten und Rezipienten zunehmend.
Von der Kritischen Theorie zu den Cultural Studies
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medien ist älter als die Medienkriminologie selbst. Bereits Vertreter der Kritischen Theorie wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer beschäftigten sich mit den gesellschaftlichen Wirkungen von Massenmedien und PopulärkulturKulturelle Ausdrucksform breiter Bevölkerungsschichten; oft massenmedial verbreitet und kommerziell produziert.. Ihre Kritik richtete sich insbesondere gegen die Kulturindustrie, die ihrer Ansicht nach zur Standardisierung kultureller Inhalte und zur Stabilisierung bestehender Herrschaftsverhältnisse beitrage.
Einen wichtigen Wendepunkt markierten die Cultural Studies, die sich seit den 1960er Jahren vor allem am Centre for Contemporary Cultural StudiesCultural Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das untersucht, wie Kultur, Medien und Alltagspraktiken mit Macht, Ideologie und sozialen Ungleichheiten verbunden sind. (CCCS) in Birmingham entwickelten. Forscher wie Stuart Hall verstanden Medien nicht länger lediglich als Instrumente gesellschaftlicher Manipulation, sondern als Orte kultureller Bedeutungsproduktion.
In seinem Modell des Encoding/Decoding zeigte Hall, dass Medienbotschaften nicht einfach passiv aufgenommen werden, sondern von unterschiedlichen Gruppen verschieden interpretiert werden können. Medien erscheinen damit weniger als direkte Ursache gesellschaftlicher Wirkungen, sondern als Orte, an denen Bedeutungen ausgehandelt werden.
Gemeinsam mit Kollegen untersuchte Hall später in Policing the Crisis die mediale Konstruktion von Kriminalität und gesellschaftlicher Bedrohung. Am Beispiel der Debatte um sogenanntes „Mugging“ zeigte die Studie, wie Medienberichterstattung, politische Reaktionen und gesellschaftliche Ängste miteinander verschränkt sein können. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei Fragen danach, wie gesellschaftliche Konflikte dargestellt, bestimmte Gruppen als Bedrohung konstruiert und Vorstellungen von Ordnung, Devianz und Kriminalität erzeugt werden.
Moral Panic und die Konstruktion von Kriminalität
Zu den einflussreichsten Arbeiten in diesem Zusammenhang zählt Stanley Cohens Werk Folk Devils and Moral Panics (1972). Cohen zeigte am Beispiel britischer Jugendkulturen, dass Medien gesellschaftliche Probleme nicht nur abbilden, sondern aktiv an deren Konstruktion beteiligt sind.
Bestimmte Gruppen können dabei zu sogenannten „folk devils“ werden – symbolischen Feindbildern, die als Bedrohung gesellschaftlicher WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. erscheinen. Medienberichterstattung trägt in solchen Fällen dazu bei, öffentliche Empörung zu erzeugen und politische Forderungen nach Kontrolle oder Bestrafung zu legitimieren.
Die Untersuchung solcher Prozesse gehört bis heute zu den zentralen Aufgaben der Medienkriminologie.
Der Cultural Turn und die Cultural Criminology
Seit den 1980er und 1990er Jahren gewann in den Sozialwissenschaften zunehmend die Auffassung an Bedeutung, dass KulturKultur bezeichnet die Gesamtheit gemeinsamer Bedeutungen, Symbole, Praktiken und Lebensweisen einer Gesellschaft oder Gruppe. nicht lediglich ein „weicher“ Begleitfaktor sozialer Prozesse sei, sondern eine eigenständige soziale Realität darstelle. Diese Entwicklung wird häufig als Cultural Turn bezeichnet (siehe ausführlich: Bachmann-Medick, 2009).
Mit dieser Neuorientierung rückten Symbole, Narrative, Bilder und EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. stärker in den Fokus sozialwissenschaftlicher Forschung. Kultur wurde nun nicht mehr lediglich als Begleiterscheinung sozialer Prozesse verstanden, sondern als eigenständiger Faktor gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion.
Auch die Kriminologie griff diese Perspektive auf. Vertreter der Cultural Criminology wie Jeff Ferrell, Keith Hayward oder Jock Young untersuchen Kriminalität als kulturelles Phänomen. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach Symbolen, Bedeutungen, Emotionen und medialen Repräsentationen.
Kriminalität erscheint aus dieser Perspektive nicht nur als Gesetzesverletzung, sondern auch als kulturelle Praxis, die erzählt, dargestellt, interpretiert und bewertet wird.
Media and Crime als internationales Forschungsfeld
Während die Bezeichnung „Medienkriminologie“ im deutschsprachigen Raum bislang kaum etabliert ist, existiert im englischsprachigen Raum seit vielen Jahren ein umfangreiches Forschungsfeld unter Bezeichnungen wie Media and Crime, Crime and Media oder Media, Crime and Justice. Dort beschäftigen sich Kriminologen, Soziologen, Medienwissenschaftler und Kulturforscher mit der Darstellung von Kriminalität, den gesellschaftlichen Wirkungen medialer Berichterstattung sowie der RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. digitaler Medien für Devianz, Kontrolle und soziale Ordnung.
Die Bedeutung dieses Forschungsfeldes zeigt sich auch in einer Vielzahl einschlägiger Lehrbücher und Überblickswerke. Besonders hervorzuheben sind etwa Yvonne Jewkes‘ Media and Crime, das inzwischen zu den Standardwerken der internationalen Medienkriminologie zählt, sowie Ian Marsh und Gaynor Melvilles Crime, Justice and the Media, das die Beziehungen zwischen Kriminalität, Strafjustiz und medialer Berichterstattung umfassend analysiert.
Die Verwendung des Begriffs „Medienkriminologie“ knüpft somit an ein bereits etabliertes internationales Forschungsfeld an und soll die verschiedenen Perspektiven auf Kriminalität, Medien und Kultur unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen.
Digitale Medien und neue Herausforderungen
Die klassische Medienforschung konzentrierte sich vor allem auf Zeitungen, Radio und Fernsehen. Diesen Medien war gemeinsam, dass vergleichsweise wenige Produzenten Inhalte für ein großes Publikum bereitstellten. Kommunikation verlief überwiegend in eine Richtung: von Sendern zu Empfängern.
Mit der Digitalisierung hat sich dieses Modell grundlegend verändert. Über soziale Netzwerke und digitale Plattformen kann heute nahezu jeder Nutzer zugleich Produzent, Konsument und Verbreiter von Inhalten sein. Beiträge werden kommentiert, geteilt, bearbeitet und in neue Zusammenhänge eingebettet.
Hinzu kommt die wachsende Bedeutung algorithmischer Empfehlungssysteme. Plattformen entscheiden mit darüber, welche Inhalte sichtbar werden und welche Aufmerksamkeit erhalten. Dadurch entstehen neue Herausforderungen für die öffentliche Kommunikation über Kriminalität, Sicherheit und soziale Kontrolle.
Phänomene wie Online-RadikalisierungRadikalisierung bezeichnet den Prozess, durch den Individuen oder Gruppen extremistische Einstellungen oder Verhaltensweisen entwickeln, die gesellschaftliche Normen ablehnen und Gewalt legitimieren können., Desinformation, Deepfakes oder digitale Hasskampagnen haben die Medienkriminologie zu einem hochaktuellen Forschungsfeld gemacht.
Fazit
Die Medienkriminologie untersucht die komplexen Wechselwirkungen zwischen Kriminalität, Medien und GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.. Sie fragt danach, wie Kriminalität dargestellt wird, welche Bilder von Tätern, Opfern und Kontrolle entstehen und welche Folgen dies für öffentliche Debatten und politische Entscheidungen haben kann.
Gerade in einer digitalisierten Mediengesellschaft, in der Informationen über Kriminalität nahezu permanent verfügbar sind und sich Inhalte innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten können, gehört die Analyse medialer Darstellungen zu den zentralen Aufgaben moderner Kriminologie.
Literatur und weiterführende Informationen
- Bachmann-Medick, D. (2009). Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften (3. neu bearb. Auflage). Rowohlt.
- Hall, S. (1973). Encoding and Decoding in the Television Discourse. Birmingham: Centre for Contemporary Cultural Studies.
- Hall, S., Critcher, C., Jefferson, T., Clarke, J. & Roberts, B. (1978). Policing the Crisis: Mugging, the State and Law and Order. London: Macmillan.
- Hickethier, K. (2010). Einführung in die Medienwissenschaft (2., aktualisierte und überarbeitete Auflage). Verlag J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-476-00514-4
- Jewkes, Y. (2015): Media and Crime. 3. Auflage. London: Sage.
- Marsh, I. & Melville, G. (2019): Crime, Justice and the Media. 3. Auflage. London: Routledge.



