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Kriminalitätsfurcht

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2026 | Veröffentlicht: 6. Februar 2018 von Christian Wickert

Inhaltsverzeichnis

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  • Dimensionen der Kriminalitätsfurcht
    • Soziale Kriminalitätsfurcht
    • Personale Kriminalitätsfurcht
      • Kognitive Komponente
      • Affektive Komponente
      • Konative Komponente
  • Merkzettel
    • Kriminalitätsfurcht – drei zentrale Ebenen
    • Zusammenhang der Ebenen und Relevanz der Begriffe Brennpunkt und Angstraum
    • Kriminalitätsfurcht und das Broken-Windows-Argument
  • Messung von Kriminalitätsfurcht
    • Einfluss von Medien und öffentlicher Kommunikation
  • Viktimisierung, Kriminalitätsfurcht-Paradox und Vulnerabilität
  • Wie lässt sich einer Kriminalitätsfurcht entgegenwirken?
  • Quellen

Dimensionen der Kriminalitätsfurcht

KriminalitätsfurchtDie individuelle und gesellschaftliche Angst vor kriminellen Handlungen. bezeichnet die subjektive Sorge, Opfer einer Straftat zu werden oder mit Kriminalität konfrontiert zu sein. Sie ist ein zentrales Thema der Kriminologie, also jener Wissenschaft, die sich mit der Entstehung, Verbreitung und gesellschaftlichen Reaktion auf KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. beschäftigt (siehe auch: Was ist Kriminologie?). Kriminalitätsfurcht steht in engem Zusammenhang mit Fragen der sozialen Ordnung, der Wahrnehmung von SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. und dem Vertrauen in staatliche Institutionen.

Kriminalitätsfurcht setzt sich aus unterschiedlichen Komponenten zusammen. Hierbei spielen sowohl Kenntnisse über die tatsächliche Kriminalitätslage als auch subjektive Wahrnehmungen eine RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist..

Soziale Kriminalitätsfurcht

Die soziale Kriminalitätsfurcht bezieht sich auf die Wahrnehmung von Kriminalität als ein gesellschaftliches Problem. In empirischen Untersuchungen werden zur Einschätzung dieser sozialen Dimension der Kriminalitätsfurcht beispielsweise die Einschätzung der Entwicklung der Kriminalität in Deutschland abgefragt oder das Strafbedürfnis (z.B. Anwendung der Sicherungsverwahrung, Senkung/ Erhöhung von Höchststrafen, usw.) der Befragten ermittelt.

Personale Kriminalitätsfurcht

Im Gegensatz zur sozialen Kriminalitätsfurcht erfasst die personale Kriminalitätsfurcht die Einschätzung, persönlich Opfer einer Straftat zu werden. Hierbei unterscheidet man zu analytischen Zwecken drei Komponenten:

Kognitive Komponente

Die kognitive oder verstandesbezogene Kriminalitätsfurcht umfasst die individuelle Risikoeinschätzung im persönlichen Nahbereich Opfer einer Straftat zu werden.

Affektive Komponente

Die affektive oder gefühlsbezogene Komponente der Kriminalitätsfurcht umfasst ein latentes, d. h. deliktsunspezifisches Unsicherheitsgefühl oder auch die Furcht, Opfer eines spezifischen Deliktes zu werden. Das Unsicherheitsgefühl kann dabei unabhängig von der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung im sozialen Nahbereich sein.

Konative Komponente

Werbung für Pfefferspray als Beispiel für Schutzverhalten infolge von Kriminalitätsfurcht
Werbung für Pfefferspray

Mit der konativen Komponente wird zum einen das Ergreifen konkreter Schutzmaßnahmen (z.B. Einbau von technischen Diebstahlssicherungen, Kauf einer Waffe zum Zweck der Selbstverteidigung) und zum anderen ein Vermeideverhalten beschrieben. Beispielsweise kann infolge einer Viktimisierungsfurcht ein bestimmter Ort gemieden werden.

Merkzettel

Kriminalitätsfurcht – drei zentrale Ebenen

  • Kognitiv: Einschätzung des persönlichen Viktimisierungsrisikos
  • Affektiv: Gefühl von Unsicherheit oder Angst
  • Konativ: konkretes Schutz- oder Vermeidungsverhalten

Die drei Ebenen können miteinander zusammenhängen, müssen es aber nicht. Menschen können sich unsicher fühlen, obwohl das tatsächliche RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. gering ist – oder umgekehrt.

Zusammenhang der Ebenen und Relevanz der Begriffe BrennpunktEin Brennpunkt (engl.: Hotspot) beschreibt einen geographisch begrenzten Raum, in dem Kriminalität überdurchschnittlich häufig auftritt. und Angstraum

In der Praxis spielen die drei Ebenen der personalen Kriminalitätsfurcht oft ineinander. Wer Kenntnis über eine starke Kriminalitätsbelastung eines Raumes hat (kognitive Ebene), bei dem wird sich dieses Wissen in der Regel auch auf sein emotionales Erleben auswirken und der Raum mit einem unguten, mulmigen Gefühl aufgesucht (affektive Ebenen). Auch ist denkbar, dass der besagte Raum von nun an weitestgehend gemieden (konative Ebene – Vermeideverhalten) oder aber nur in Begleitung oder gar bewaffnet betreten wird (konative Ebene – Schutzverhalten).

Das Zusammenspiel der drei Ebenen ist aber keine Zwangsläufigkeit. Ebenso ist vorstellbar, dass trotz des Wissens um die relative Gefährlichkeit eines Ortes dieser völlig unvoreingenommen und angstfrei aufgesucht wird. Dies gilt vermutlich für die meisten Besucher von Amüsiervierteln und Partymeilen. Aufgrund des gehäuften Vorkommens von Delikten wie Taschendiebstahl, Körperverletzungen, aber auch Sexualdelikten können diese sehr wohl gefährliche Orte darstellen. Dennoch hält dieses Wissen um eine relativ größere Gefährlichkeit dieser Orte die meisten Menschen nicht von einem Besuch ab. Andere Orte wiederum können objektiv als sehr sicher erachtet werden; den Aufenthalt an diesen Orten assoziieren aber dennoch viele Menschen mit Furcht und einem unguten Gefühl (z.B. Friedhöfe, Wald, generell Dunkelheit).

Die kognitive und die affektive Ebene der Kriminalitätsfurcht stehen in einem Zusammenhang mit den Begriffen Brennpunkt (oder englisch: hot spot) und Angstraum. Der Begriff Brennpunkt (oder englisch: hot spot) umschreibt eine Örtlichkeit, an der objektiv feststellbar eine Häufung von Delikten auftritt (vgl. auch Hotspot). Insofern steht dieser Begriff mit der kognitiven Komponente der Kriminalitätsfurcht in einem Zusammenhang. Ein AngstraumEin Angstraum ist ein sozialer Raum oder öffentlicher Ort, der von Menschen als unsicher wahrgenommen wird und mit dem Gefühl der Bedrohung oder Furcht verbunden ist – unabhängig von der objektiven Kriminalitätsbelastung. steht hingegen für die affektive Komponente. Der Begriff steht für ein subjektiv empfundenes Unsicherheitsgefühl, das nicht durch eine objektiv bestehende erhöhte Viktimisierungswahrscheinlichkeit gedeckt sein muss.

Kriminalitätsfurcht und das Broken-Windows-Argument

Einflussreich für die Diskussion über Kriminalitätsfurcht ist auch der sogenannte Broken Windows Ansatz. Die von James Q. Wilson und George L. Kelling entwickelte These besagt, dass sichtbare Zeichen von Unordnung – etwa Graffiti, Müll, Vandalismus oder beschädigte Gebäude – das SicherheitsgefühlSicherheitsgefühl beschreibt das subjektive Empfinden einer Person, vor Kriminalität und Gefahren geschützt zu sein. der Bevölkerung beeinträchtigen können.

Solche Anzeichen sozialer Unordnung werden von Bewohnerinnen und Bewohnern häufig als Hinweis darauf interpretiert, dass soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. im öffentlichen Raum nachlässt. In der Folge kann die Kriminalitätsfurcht steigen, selbst wenn sich die objektive Kriminalitätsbelastung nicht verändert hat.

Nach der Broken-Windows-These kann eine steigende Kriminalitätsfurcht wiederum dazu führen, dass sich Menschen aus öffentlichen Räumen zurückziehen. Diese Entwicklung reduziert informelle soziale Kontrolle und kann damit tatsächlich neue Gelegenheiten für Kriminalität schaffen. Kriminalitätsfurcht wirkt in diesem Zusammenhang also nicht nur als Reaktion auf Kriminalität, sondern kann selbst Teil eines sozialen Prozesses werden, der Unsicherheit verstärkt.

Diese Überlegungen spielen auch eine wichtige Rolle bei Maßnahmen der Kriminalprävention im öffentlichen Raum.

Messung von Kriminalitätsfurcht

Zur Messung der Kriminalitätsfurcht wird in deutschen wie auch internationalen kriminologischen Studien auf den sog. StandardindikatorEin statistisches Maß zur Erfassung der Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung. zurückgegriffen. Dahinter verbirgt sich die folgende Frage:

Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Wohngegend, wenn Sie abends bei Dunkelheit allein auf die Straße gehen [oder gehen würden]? bzw.
How safe do you feel or would you feel being out alone in your neighborhood at night?

Die Befragten erhalten üblicherweise folgende vierstufige Antwortvorgaben zur Auswahl: „Sehr sicher, ziemlich sicher, ziemlich unsicher, sehr unsicher“ (vgl. hierzu auch: Reuband, 2000).

Der Standardindikator wurde vielfach kritisiert, da zum einen Zweifel bestehen, ein komplexes Phänomen wie Furcht anhand eines einzelnen Indikators messen zu können. Zudem sei die Frage suggestiv und bezieht sich ausschließlich auf eine affektive Ebene. Der Verzicht auf die explizite Erwähnung von Kriminalität lässt es offen, was das Unsicherheitsgefühl verursacht (z.B. Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden). Bezieht man die Frage auf ein Viktimisierungsrisiko suggeriert die Fragestellung eine Furcht vor gewaltsamer Straßenkriminalität (Wer nachts alleine durch die Straßen läuft, wird sich in diesem Moment kaum davor fürchten, Opfer eines Enkeltrick-Betrügers zu werden oder Leidtragender von Umweltverschmutzung oder Steuerhinterziehung zu werden). Schließlich würde das hier skizzierte Szenario (nachts, alleine, auf der Straße) an der Lebenswirklichkeit vieler Befragter vorbeigehen (zur Kritik am Standardindikator siehe ausführlich: Noack, 2015).

Trotz dieser Unzulänglichkeit wird auch in aktuellen Studien zum Zwecke der Vergleichbarkeit am Standardindikator festgehalten.

Einfluss von Medien und öffentlicher KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren.

Die Wahrnehmung von Kriminalität wird nicht ausschließlich durch eigene Erfahrungen geprägt. Auch Medienberichte, politische Debatten und soziale Netzwerke beeinflussen das Sicherheitsgefühl erheblich. Besonders spektakuläre Gewaltverbrechen erhalten häufig große mediale Aufmerksamkeit, obwohl sie statistisch selten sind.

Allerdings ist Medienkonsum nicht gleich Medienkonsum. Empirische Studien zeigen, dass insbesondere lokale Nachrichten sowie stark kriminalitätsorientierte Boulevardmedien mit einer erhöhten Kriminalitätsfurcht in Zusammenhang stehen. Solche Berichte konzentrieren sich häufig auf spektakuläre Einzelfälle und können dadurch den Eindruck vermitteln, Kriminalität sei häufiger und bedrohlicher, als es statistische Daten nahelegen.

Ein Teil dieser Wahrnehmungsverzerrung lässt sich durch den sogenannten Verfügbarkeits-Effekt erklären: Menschen schätzen Risiken danach ein, wie leicht ihnen Beispiele dafür einfallen. Ereignisse, über die intensiv berichtet wird, erscheinen daher häufiger und bedrohlicher, als sie es statistisch tatsächlich sind (vgl. Tversky & Kahneman, 1973).

In diesem Zusammenhang wird in der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. auch das Konzept der Moral Panic diskutiert. Der Soziologe Stanley Cohen zeigte, wie Medien und politische Akteure bestimmte Ereignisse oder Gruppen als Bedrohung für gesellschaftliche WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. darstellen können. Solche moralischen Paniken können dazu führen, dass einzelne Delikte oder Tätergruppen stark überproportional wahrgenommen werden und dadurch die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung steigt.

Kriminalitätsfurcht ist daher nicht nur eine Reaktion auf tatsächliche Viktimisierungserfahrungen, sondern auch ein Ergebnis gesellschaftlicher Kommunikation über Kriminalität.

Viktimisierung, Kriminalitätsfurcht-Paradox und Vulnerabilität

Mit dem Kriminalitätsfurcht-ParadoxPhänomen, dass gesellschaftliche Gruppen mit geringem Viktimisierungsrisiko häufig die größte Kriminalitätsfurcht aufweisen. wird eine Diskrepanz zwischen objektivem Viktimisierungsrisiko und der personalen Kriminalitätsfurcht beschrieben. Verschiedene Kriminalitätstheorien sowie sozialpsychologische Ansätze versuchen zu erklären, warum Risiko und Wahrnehmung häufig auseinanderfallen.
Kriminalitätsstatistiken weisen regelmäßig junge Männer als diejenige demographische GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind. aus, deren Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, am höchsten ist. In eben jener Gruppe ist jedoch die Kriminalitätsfurcht am geringsten ausgeprägt.

Im Gegensatz hierzu ist die Kriminalitätsfurcht bei älteren Menschen und Frauen am stärksten ausgeprägt, obwohl diese Bevölkerungsgruppen in polizeilichen Kriminalstatistiken am seltensten als Opfer von Straftaten ausgewiesen werden.

Diese scheinbar irrationale Kriminalitätsfurcht lässt sich jedoch durch eine höhere Verletzbarkeit (VulnerabilitätVerwundbarkeit bzw. erhöhte Anfälligkeit gegenüber Risiken oder Gefahren.) der Personengruppen erklären. Die physischen und psychischen Folgen einer Viktimisierung wiegen sowohl für ältere Menschen als auch für Frauen schwerer als für andere Personengruppen. Ältere Menschen sind weniger widerstandsfähig und sie müssen eine schwerwiegendere gesundheitliche Verletzung befürchten. Frauen hingegen sind dem objektiv höheren Risiko einer gravierenden Viktimisierung (Sexualdelikte) ausgesetzt, deren physische aber vor allem psychische Folgen schwerwiegend sein können.

Ein weiterer Aspekt, der bei der Interpretation von Befragungen zur Kriminalitätsfurcht berücksichtigt werden muss, ist die sogenannte altruistische Kriminalitätsfurcht (vgl. Ferraro, 1995). Darunter versteht man die Sorge um die Sicherheit anderer Personen, etwa von Kindern, Partnern oder älteren Angehörigen. In Befragungen äußern viele Menschen weniger Angst um ihre eigene Sicherheit als vielmehr um die Sicherheit von nahestehenden Personen. Ein Teil der gemessenen Kriminalitätsfurcht spiegelt daher nicht nur persönliche Viktimisierungsängste wider, sondern auch eine Sorge um das Wohlergehen anderer.

Schließlich ließe sich zur Entkräftung des Kriminalitätsfurcht-Paradox fragen, ob nicht gerade der Umstand, dass ältere Menschen und Frauen zu einer pessimistischeren Risikoeinschätzung kommen, dazu führt, dass sie sich seltener in Situationen bzw. an Orte begeben, von denen eine potentiell erhöhte Viktimisierungswahrscheinlichkeit ausgeht (konative Ebene der Kriminalitätsfurcht).

Wie lässt sich einer Kriminalitätsfurcht entgegenwirken?

Die Folgen von Kriminalitätsfurcht – egal ob objektiv begründet oder nicht – können schwerwiegend sein. Ein übersteigertes Schutz- und Vermeideverhalten hätte zur Folge, dass erstens sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger bewaffnen (tatsächlich ist die Zahl der ausgestellten sog. kleinen Waffenscheine in den letzten Jahren angestiegen). Zweitens hätte ein Vermeideverhalten die Konsequenz, dass mehr und mehr Menschen öffentliche Räume meiden. Dies führte zu einem Absinken der sozialen Kontrolle und letztendlich dazu, dass die Begehung von Straftaten infolge der gesunkenen Sozialkontrolle objektiv leichter ist und das Entdeckungsrisiko sinkt (ganz ähnlich argumentieren beispielsweise die Autoren des Broken Windows Ansatzes). Schlussendlich unterminiert eine stark steigende Kriminalitätsfurcht das Vertrauen in den Rechtsstaat und die Effizienz polizeilicher Arbeit. Diese Entwicklung könnte einen Anstieg von Selbstjustiz und die Gründung von Bürgerwehren zur Folge haben.

Die Entstehung und Verfestigung von Kriminalitätsfurcht lässt sich durch eine Stärkung des Sicherheitsgefühls verhindern. Hierbei ist vor allem an Maßnahmen der städtebaulichen Kriminalprävention zu denken. Die bessere Ausleuchtung des öffentlichen Raums, die Herstellung von Sichtachsen und der Rückbau von verwinkelten Nischen und „dunklen Ecken“ ist sicherlich geeignet, Angsträume abzubauen und so die soziale Kontrolle zu erhöhen.

Als weitere Maßnahme zur Bestärkung des Sicherheitsgefühls wird häufig auch eine stärkere Präsenz der PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. im Sinne von Community Policing diskutiert. Ziel ist es, Vertrauen zwischen Polizei und Bevölkerung zu stärken und Unsicherheitsgefühle durch sichtbare Ansprechpartner im öffentlichen Raum zu reduzieren. Der Effekt ist jedoch umstritten. Eine erhöhte polizeiliche Präsenz kann neben dem gewünschten, sicherheitsbestärkenden Effekt auch Gegenteiliges bewirken und zu einer Verunsicherung führen („Hier muss es wohl gefährlich sein, ansonsten wäre nicht so viel Polizei vor Ort.“).

Quellen

  • Ferraro, Kenneth F. (1995). Fear of Crime: Interpreting Victimization Risk. Albany: SUNY Press.
  • Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle (2006). Individuelle und sozialräumliche Determinanten der Kriminalitätsfurcht. Sekundäranalyse der Allgemeinen Bürgerbefragungen der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Forschungsberichte Nr. 4/2006. Düsseldorf: Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Online verfügbar unter: https://lka.polizei.nrw/sites/default/files/2016-11/Kriminalitaetsfurcht%20%28lang%29.pdf
  • Noack, M. (2015). Messung von Kriminalitätsfurcht. In: Methodische Probleme bei der Messung von Kriminalitätsfurcht und Viktimisierungserfahrungen. Kriminalität und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 87-92.
  • Reuband, K.-H. (2000). Die Messung der Kriminalitätsfurcht im lokalen Kontext: Modifikationen des ‚Standardindikators‘ für Kriminalitätsfurcht und Folgen für das Antwortmuster. Soziale Probleme, 11(1/2), 177-185.
  • Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232. https://doi.org/10.1016/0010-0285(73)90033-9

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Kategorie: Kriminologie Tags: Angstraum, Angsträume, Brennpunkt, Broken Windows, Community Policing, Fear of Crime, Hotspot, Kriminalitätsfurcht, Kriminalitätsfurcht-Paradox, Kriminologie, Medien und Kriminalität, Moral Panic, Sicherheitsgefühl, städtebauliche Kriminalprävention, Viktimisierung, Viktimologie, Vulnerabilität

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Arbeitsaufgabe

Bitte lesen Sie den Auszug (S. 1-15) aus dem Forschungsbericht der Kriminalistisch-kriminologischen Forschungsstelle des LKA, NRW und beantworten Sie folgenden Fragen:

  • Was ist Kriminalitätsfurcht und wie lässt Sie sich messen?
  • Welche Schwierigkeiten bestehen hinsichtlich der Messung?
  • Was ist das Kriminalitätsfurcht-Paradoxon?
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kriminalitätsfurcht und Viktimisierung?
  • Welchen Einfluss haben Medienberichte auf Kriminalitätsfurcht?
  • Wie kann durch kriminalpräventive Maßnahmen Kriminalitätsfurcht beeinflusst werden?

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SozTheo wurde als private Seite von Prof. Dr. Christian Wickert, Dozent für die Fächer Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, erstellt. Die hier verfügbaren Beiträge und verlinkten Artikel spiegeln nicht die offizielle Meinung, Haltung oder Lehrpläne der HSPV NRW wider.

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