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Sie befinden sich hier: Home / Soziologie / Schlüsselwerke der Soziologie / Stuart Hall – Encoding/Decoding (1973)

Stuart Hall – Encoding/Decoding (1973)

30. Januar 2026 | zuletzt aktualisiert am 30. Januar 2026 von Christian Wickert

Mit Encoding/Decoding liefert Stuart Hall einen der einflussreichsten Texte der Cultural Studies und zugleich ein grundlegendes Werkzeug, um moderne Mediengesellschaften soziologisch zu verstehen. Der Text markiert einen Bruch mit linearen Kommunikationsmodellen, in denen Medieninhalte wie Informationen behandelt werden, die von einem Sender produziert und von einem Empfänger lediglich aufgenommen werden. Hall zeigt dagegen: Medienbotschaften werden nicht einfach „übertragen“, sondern kulturell hergestellt, gerahmt und anschlussfähig gemacht – und sie werden von Rezipientinnen und Rezipienten aktiv gelesen, umgedeutet, teilweise übernommen oder auch zurückgewiesen. Bedeutung ist damit weder objektiv gegeben noch beliebig. Sie ist ein Ergebnis sozialer Praxis – und sie ist umkämpft.

Halls Modell ist dabei keine allgemeine Theorie der Wahrheit oder der Medienwirkung, sondern eine analytische Heuristik zur Untersuchung kultureller Bedeutungszirkulation unter Bedingungen sozialer Ungleichheit.

Inhaltsverzeichnis

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    • Merkzettel
    • Encoding/Decoding nach Stuart Hall
    • Mini-Exkurs: Encoding/Decoding und Kriminalitätsberichterstattung
  • Theoretische Einordnung des Kommunikationsmodells
  • Encoding/Decoding heute: institutionalisierte Opposition und algorithmische Bedeutungsräume
    • Weiterdenken: Von Encoding/Decoding zu algorithmischer Kontrolle
  • Literatur

Merkzettel

Encoding/Decoding nach Stuart Hall

Stuart Hall
http://www.blackpast.org/gah/hall-stuart-1932, FAL, via Wikimedia Commons

Autor: Stuart Hall (1932–2014)Erstveröffentlichung: 1973 (Working Paper), kanonisch rezipiert 1980

Kontext: Cultural Studies, Hegemonietheorie (Gramsci), Medien- und Kultursoziologie

Zentrale Annahme:
Medienbotschaften transportieren keine festen Bedeutungen, sondern werden produziert (encodiert) und interpretiert (decodiert). Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von kulturellen Codes, Machtverhältnissen und sozialer Position.

Encoding:
Produktion der Botschaft unter institutionellen, kulturellen und politischen Bedingungen.
→ Auswahl von Themen, Bildern, Frames und Erzählweisen
→ Anlage einer präferierten Bedeutung

Decoding:
Aneignung der Botschaft durch Rezipient:innen im Alltag.
→ Interpretation abhängig von Erfahrung, MilieuSoziales Umfeld oder soziale Gruppe mit gemeinsamen Lebensstilen, Wertorientierungen und sozialen Praktiken., Wissen und Position

Drei idealtypische Lesarten:

  • Dominant-hegemonial: Die präferierte Bedeutung wird verstanden und akzeptiert.
  • Ausgehandelt: Grundannahmen werden geteilt, aber situativ relativiert.
  • Oppositionell: Die Bedeutung wird verstanden, aber bewusst zurückgewiesen.

Zentrale Einsicht:
Bedeutung ist weder objektiv noch beliebig.
Sie ist sozial produziert, ungleich verteilt und politisch umkämpft.

Anschlussfähig an:
Barthes (Mythos, Naturalisation),
Foucault (Diskurs, Wahrheit, Macht),
Bourdieu (Habitus, symbolische Macht)

Diagramm des Kommunikationsmodells nach Stuart Hall (1980), das Encoding und Decoding als Teil eines zirkulären Bedeutungsprozesses zwischen Produktion, Diskurs und Rezeption zeigt.
Kommunikationsmodell („Circuit of Communication“) nach Stuart Hall (1980). Die Grafik verdeutlicht, dass Produktion (Encoding) und Rezeption (Decoding) von Medienbotschaften in unterschiedliche Bedeutungsstrukturen eingebettet sind und nicht notwendig deckungsgleich verlaufen. Quelle: Hall, Stuart (1980): Encoding/Decoding. In: Hall et al. (Hg.): Culture, Media, Language. London: Hutchinson.

Die Grafik macht deutlich, dass Medienkommunikation bei Hall nicht als linearer Übertragungsprozess verstanden wird. Encoding und Decoding sind jeweils in eigene Bedeutungsstrukturen eingebettet, die durch Wissen, ProduktionsverhältnisseÖkonomische Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen im Produktionsprozess. und technische Infrastruktur geprägt sind. Missverständnisse, Widerstand oder alternative Lesarten sind daher kein Sonderfall, sondern strukturell angelegt.

Halls zentrale Ausgangsannahme lautet, dass mediale KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren. nicht als einzelner Akt verstanden werden kann, sondern als Prozess, der verschiedene Momente umfasst. Diese Momente sind miteinander verbunden, aber nicht deckungsgleich. Entscheidend ist dabei die analytische Unterscheidung zwischen Encoding und Decoding. Mit Encoding beschreibt Hall die Produktion einer Botschaft: die Auswahl von Themen, Bildern, Begriffen und Erzählformen, die OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. von Relevanz, die Konstruktion dessen, was als „Fakt“, „Problem“ oder „Normalität“ erscheint. Dieses Encoding ist nie neutral, weil es innerhalb institutioneller und gesellschaftlicher Strukturen stattfindet – in Redaktionen, Organisationen, politischen Milieus oder ökonomischen Märkten, die bestimmte Routinen, Interessen und Sichtweisen nahelegen. Die Botschaft wird dabei in kulturelle Codes übersetzt. Genau darin liegt ihre Wirkmacht: Medieninhalte funktionieren nicht nur über Informationen, sondern über kulturell vertraute Formen, die Sinn plausibel machen.

Damit ist zugleich klar, dass Encoding immer eine bestimmte Lesart nahelegt. Hall spricht hier von einer präferierten Bedeutung: einer Bedeutung, die im Material angelegt ist, weil sie im Prozess der Produktion als „naheliegend“, „vernünftig“ oder „gesunder Menschenverstand“ formatiert wurde. Diese präferierte Lesart ist eng mit Halls hegemonietheoretischer Perspektive verbunden. In Anlehnung an Gramsci geht es ihm nicht um Zwang, sondern um Zustimmung: HegemonieHegemonie bezeichnet die stabile, aber umkämpfte Vorherrschaft bestimmter Gruppen oder Deutungen, die nicht nur auf Zwang, sondern vor allem auf Zustimmung und Alltagsüberzeugungen basiert. wirkt dort besonders stabil, wo Deutungen so selbstverständlich werden, dass sie nicht mehr als Deutungen erscheinen. Medien sind in diesem Sinne keine bloßen Kanäle, sondern zentrale Orte gesellschaftlicher Normalisierung.

Der zweite Moment des Prozesses ist das Decoding: die Rezeption und Interpretation der Botschaft. Hier setzt Hall einen entscheidenden Kontrapunkt. Rezipientinnen und Rezipienten sind keine passiven Empfänger, sondern Akteure, die Botschaften in ihre Erfahrungswelten, sozialen Lagen und kulturellen Wissensbestände einbauen. Das heißt nicht, dass „alles möglich“ wäre. Decoding findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in gesellschaftlich geprägten Wahrnehmungs- und Deutungsrahmen. Dennoch bleibt zwischen dem, was encodiert wird, und dem, was decodiert wird, eine Differenz möglich – und diese Differenz ist sozial hoch relevant. Denn sie erklärt, warum dieselbe Botschaft bei unterschiedlichen Gruppen unterschiedliche Wirkungen entfalten kann und warum öffentliche Konflikte häufig weniger um „Fakten“ als um Deutungen kreisen.

Um diese möglichen Deutungsverhältnisse systematisch zu fassen, unterscheidet Hall drei idealtypische Lesarten. In der dominant-hegemonialen Lesart wird die präferierte Bedeutung übernommen; der hegemoniale Code funktioniert, weil er nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert wird. In der ausgehandelten Lesart werden die Grundannahmen der Botschaft im Prinzip geteilt, aber situativ angepasst; Zustimmung und Distanzierung verbinden sich, etwa indem man die allgemeine Logik akzeptiert, einzelne Konsequenzen jedoch relativiert oder „im Einzelfall“ anders bewertet. In der oppositionellen Lesart schließlich wird der Code verstanden, aber bewusst gegen den Strich gelesen; die präferierte Bedeutung wird zurückgewiesen und durch eine alternative Deutung ersetzt. Diese drei Lesarten sind keine psychologischen Typen, sondern soziologische Idealtypen, mit denen sich beschreiben lässt, wie kulturelle Bedeutungen in der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. zirkulieren – und wie stabil oder brüchig hegemoniale Deutungen tatsächlich sind.

Die Stärke dieses Modells liegt darin, dass es Medienanalyse mit Gesellschaftsanalyse verbindet. Hall macht sichtbar, dass Medien nicht nur berichten, sondern Ordnung produzieren: Sie setzen Themen, definieren Probleme, normalisieren EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. und strukturieren Zugehörigkeit. Gleichzeitig zeigt er, dass diese Ordnungsangebote immer auf Anerkennung angewiesen sind. Hegemonie ist nie absolut; sie muss anschlussfähig bleiben. Genau deshalb sind Medienöffentlichkeiten Orte fortlaufender Aushandlung. Gerade dort, wo politische Konflikte, Identitätsfragen oder moralische Grenzziehungen verhandelt werden, lässt sich beobachten, wie um Codes gerungen wird – und wie Gegenlesarten entstehen, stabilisiert werden oder wieder marginalisiert werden.

Mini-Exkurs: Encoding/Decoding und Kriminalitätsberichterstattung

Das Encoding/Decoding-Modell lässt sich besonders anschaulich auf die mediale Berichterstattung über KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. anwenden. Kriminalität ist kein neutraler Gegenstand, sondern ein hochgradig selektiver, emotional aufgeladener und politisch anschlussfähiger Themenbereich. Medien berichten nicht über „Kriminalität an sich“, sondern über bestimmte Formen, Tätergruppen, Orte und Deutungsmuster – und produzieren damit spezifische Bedeutungsangebote.

Im Prozess des Encodings wird Kriminalität häufig gerahmt durch Bilder von Gefahr, Kontrollverlust und moralischer Abweichung. Typisch sind wiederkehrende Codes: „Brennpunkt“, „Clan“, „IntensivtäterPersonen, die wiederholt und in hoher Frequenz Straftaten begehen und aufgrund ihrer Delinquenz besonders polizeilich und strafrechtlich überwacht werden.“, „No-Go-Area“ oder „importierte Gewalt“. Diese Begriffe transportieren mehr als Information; sie strukturieren Wahrnehmung. Sie legen nahe, wo Kriminalität verortet wird, wer</em als Bedrohung gilt und welche</em politischen Antworten plausibel erscheinen. Das Encoding erzeugt damit eine präferierte Lesart, in der Kriminalität als individuelles Fehlverhalten oder kulturelles Defizit erscheint – weniger als soziale, strukturelle oder institutionelle Frage.

Im Decoding zeigen sich dann die von Hall beschriebenen Differenzen. In einer dominant-hegemonialen Lesart werden diese Rahmungen übernommen: Kriminalität gilt als Zeichen gesellschaftlichen Verfalls, harte Strafen erscheinen notwendig, Polizei und KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. als zentrale Lösung. In ausgehandelten Lesarten wird diese Grundlogik akzeptiert, aber relativiert – etwa durch den Hinweis auf soziale Ursachen oder Einzelfallunterschiede. Oppositionelle Lesarten hingegen lesen die Berichterstattung gegen den Strich: Sie problematisieren selektive Aufmerksamkeit, rassifizierende Zuschreibungen, Klassenbias oder die RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. von Medien selbst bei der Erzeugung von Angst und Unsicherheit.

Aus kriminologischer Perspektive ist entscheidend, dass diese Lesarten nicht gleich verteilt sind. Sie hängen ab von Bildung, sozialer Position, politischer Orientierung und medialem Vorwissen. Zugleich sind bestimmte Encodings strukturell privilegiert: Sensationalistische Darstellungen erzeugen Aufmerksamkeit, Anschlusskommunikation und ökonomischen Ertrag – während komplexe, kontextualisierte Analysen weniger Reichweite erzielen.

Encoding/Decoding macht damit sichtbar, dass Kriminalitätsberichterstattung nicht nur Wissen über DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. vermittelt, sondern aktiv an der Konstruktion von Kriminalität, KriminalitätsfurchtDie individuelle und gesellschaftliche Angst vor kriminellen Handlungen. und punitiven Orientierungen beteiligt ist. Medien werden so zu Akteuren sozialer Kontrolle – nicht durch Zwang, sondern durch Deutung.

Theoretische Einordnung des Kommunikationsmodells

Für die Anbindung an bereits etablierte SozTheo-Schlüsselwerke ist Hall besonders dankbar. Gegenüber Barthes lässt sich sagen: Barthes zeigt, wie Bedeutungen als Natürlichkeit verpackt werden, wie Mythen Geschichte in Natur verwandeln und IdeologieIdeologie bezeichnet ein System von Vorstellungen, Werten und Deutungen, das gesellschaftliche Verhältnisse erklärt, legitimiert oder kritisiert und dabei häufig Macht- und Herrschaftsverhältnisse stabilisiert. als Selbstverständlichkeit auftreten lassen. Hall setzt gewissermaßen dort an, wo Barthes’ Analyse der Zeichenform in die soziale Zirkulation übergeht: Er fragt, wie diese Bedeutungen tatsächlich gelesen werden, für wen sie plausibel sind, wie sie verhandelt werden – und unter welchen Bedingungen sie scheitern. Wenn Barthes die Logik der Naturalisation freilegt, macht Hall sichtbar, dass Naturalisation nicht nur produziert, sondern auch sozial verteilt akzeptiert wird.

Auch zur Diskurstheorie nach Foucault ist die Brücke naheliegend, ohne dass die Perspektiven identisch wären. Foucault interessiert sich dafür, was in einer Gesellschaft überhaupt sagbar, denkbar und als wahr anerkennbar ist; er fragt nach den institutionellen und praktischen Produktionsbedingungen von Wahrheit und Normalität. Hall ergänzt diesen Zugriff um die Frage, wie diese Wahrheiten in mediale Formate übersetzt und in der Bevölkerung gelesen werden. Wo Foucault die Formation von Wissensordnungen analysiert, untersucht Hall die kommunikative Vermittlung und die Deutungskämpfe, in denen Bedeutungen Zustimmung gewinnen oder verlieren.

Für die Soziologie und KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. ist Encoding/Decoding gerade deshalb so relevant, weil es sich auf viele gegenwärtige Konfliktfelder unmittelbar anwenden lässt: auf politische Kommunikation, auf moralische Paniken, auf die mediale Konstruktion von Devianz, auf Debatten um Migration, SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. oder Polizeigewalt. Ein Beispiel macht das anschaulich: Wird MigrationMigration bezeichnet die dauerhafte oder zeitweise räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts von Personen oder Gruppen. in einem Nachrichtenformat über Bilder von Grenzen, Kontrolle, Überforderung und „Krise“ gerahmt, dann ist diese Rahmung nicht nur Informationsvermittlung, sondern ein Encoding, das eine präferierte Lesart nahelegt. Diese Lesart kann dominant aufgenommen werden („Der Staat muss härter durchgreifen“), sie kann ausgehandelt werden („Es ist kompliziert, aber humanitäre Aspekte zählen auch“), oder sie kann oppositionell gelesen werden („Das Problem ist nicht Migration, sondern ihre politische und mediale Problematisierung“). Dass diese Lesarten möglich sind, bedeutet jedoch nicht, dass sie gleich mächtig wären. Genau hier zeigt sich die hegemonietheoretische Pointe: Bestimmte Deutungen sind strukturell privilegiert, weil sie in Institutionen, Routinen und kulturelle Selbstverständlichkeiten eingebettet sind.

Im Ergebnis liefert Hall ein Schlüsselwerk, weil er Medien nicht als Spiegel, sondern als Teil gesellschaftlicher Ordnung begreift – und weil er zugleich zeigt, dass diese Ordnung nicht stabil bleibt, wenn Deutungen ihre Plausibilität verlieren. ModerneGesellschaftsform, die sich durch Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Individualisierung auszeichnet. Gesellschaften sind daher auch Kommunikationsgesellschaften: Konflikte um Wahrheit, Normalität und Zugehörigkeit werden nicht nur politisch oder rechtlich ausgetragen, sondern als Deutungskämpfe in Bildern, Frames, Symbolen und Erzählungen. Encoding/Decoding bietet dafür eine Sprache, die sowohl analytisch präzise als auch empirisch anschlussfähig ist.

Encoding/Decoding heute: institutionalisierte Opposition und algorithmische Bedeutungsräume

Stuart Halls Encoding/Decoding-Modell gewinnt im Kontext gegenwärtiger Medienkonflikte neue Aktualität. Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Fake News“ lassen sich als kommunikative Strategien verstehen, mit denen oppositionelle Lesarten nicht nur praktiziert, sondern systematisch institutionalisiert werden.

Während Hall oppositionelles Decoding ursprünglich als eine mögliche, situative Reaktionsweise auf hegemoniale Bedeutungsangebote beschreibt, lässt sich in Teilen des gegenwärtigen politischen Diskurses eine Verschiebung beobachten: Die oppositionelle Lesart wird zur Normerwartung. Medienberichte, die bestehende Überzeugungen irritieren oder Kritik an der „eigenen Seite“ üben, gelten reflexhaft als manipulativ, ideologisch oder illegitim.

Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Fake News“ fungieren dabei weniger als empirische Kritik an konkreter Berichterstattung denn als Deutungsabkürzungen. Sie setzen den Interpretationsrahmen bereits vor der Rezeption fest: Nicht die Frage was berichtet wird, steht im Zentrum, sondern wer berichtet – und mit welcher unterstellten Absicht.

Aus der Perspektive des Encoding/Decoding-Modells lässt sich dies als eine Form präventiven Decodings beschreiben. Bedeutung wird nicht mehr im Rezeptionsprozess ausgehandelt, sondern vorab festgelegt. Widersprechende Informationen gelten per Definition als Täuschung, Kritik als feindlich. Die oppositionelle Lesart wird damit nicht gewählt, sondern eingefordert.

Historisch neu ist dabei weniger die Existenz oppositioneller Lesarten als ihre Dauerhaftigkeit, institutionelle Absicherung und medientechnische Verstärkung.

Diese Entwicklung fällt zusammen mit tiefgreifenden Veränderungen der medialen Infrastruktur. Hall geht noch von massenmedialen Öffentlichkeiten aus, in denen unterschiedliche Lesarten derselben Botschaft sichtbar aufeinandertreffen können. Digitale Plattformen intervenieren heute jedoch aktiv in die Verteilung von Bedeutungen.

Algorithmen sozialer Netzwerke filtern, priorisieren und verstärken Inhalte auf Grundlage vergangener Nutzungsdaten, Affekte und Interaktionsmuster. Rezipient:innen erhalten daher nicht mehr zufällig oder plural Botschaften, sondern bevorzugt solche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine präferierte Lesart passen. Bedeutung wird nicht nur interpretiert, sondern vorselektiert.

Damit verschiebt sich Halls Modell in entscheidender Weise: Die dominante Lesart entsteht nicht allein aus kultureller Hegemonie, sondern wird technisch stabilisiert. Abweichende oder irritierende Bedeutungen werden seltener sichtbar, Öffentlichkeit fragmentiert sich in Bubbles, in denen Bedeutungen nicht mehr ausgehandelt, sondern bestätigt werden.

Encoding und Decoding sind damit nicht mehr nur durch soziale Positionen und kulturelle Codes vermittelt, sondern zusätzlich durch technische Infrastrukturen und ökonomische Logiken. Algorithmen fungieren als eine neue Form symbolischer MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.: Sie strukturieren, welche Bedeutungen zirkulieren – und welche unsichtbar bleiben.

Halls Grundannahme bleibt dabei gültig: Bedeutung ist nicht objektiv gegeben. Neu ist, dass die Bedingungen ihrer Aneignung zunehmend vorstrukturiert, automatisiert und auf Aufmerksamkeit optimiert werden. Kommunikation ist damit nicht einfach konflikthaft, sondern fragmentiert. Öffentlichkeit zerfällt in parallele Bedeutungsräume, in denen dieselbe Botschaft nicht unterschiedlich interpretiert, sondern wechselseitig delegitimiert wird.

Weiterdenken: Von Encoding/Decoding zu algorithmischer Kontrolle

Stuart Halls Modell des Encoding/Decoding bildet einen zentralen Ausgangspunkt für das Verständnis moderner Medien- und Bedeutungsordnung. Mehrere zeitgenössische Ansätze knüpfen daran an und verschieben den Fokus von kultureller Aushandlung hin zu technisch und institutionell vorstrukturierten Kommunikationsprozessen.
Diese Vorstrukturierung folgt dabei nicht primär politischen, sondern ökonomischen Logiken: Sichtbarkeit wird nach Interaktionswahrscheinlichkeit, Verweildauer und Werbewert organisiert – nicht nach epistemischer Qualität.

  • Bernard E. Harcourt (Against Prediction) zeigt, wie Bedeutung nicht mehr primär interpretiert, sondern statistisch antizipiert wird. Lesarten werden durch Prognosen ersetzt; Abweichung verliert ihren Deutungsspielraum und wird zum Risikoindikator.
  • Virginia Eubanks (Automating Inequality) macht deutlich, dass algorithmische Informationssysteme soziale Ungleichheit reproduzieren. Wer welche Informationen erhält – und mit welchen Konsequenzen – ist sozial selektiv organisiert. Decoding wird damit zur Frage sozialer Position.
  • Sarah Brayne (Predict and Surveil) analysiert, wie Organisationen Informationen institutionell „lesen“. Bedeutung entsteht hier nicht im öffentlichen DiskursEin Diskurs bezeichnet ein historisch und sozial geprägtes System von Aussagen, Deutungen und Wissensordnungen, durch das Wirklichkeit beschrieben, strukturiert und hervorgebracht wird., sondern in bürokratischen Routinen, die bestimmte Lesarten privilegieren und andere systematisch ausblenden.

Gemeinsam zeigen diese Ansätze: Halls Modell verliert nicht an Relevanz, sondern gewinnt an Tiefe. Encoding und Decoding bleiben zentrale Kategorien – werden jedoch zunehmend durch Algorithmen, Verwaltungslogiken und ökonomische Interessen vermittelt.

Merksatz:
Hall erklärt, wie</em Bedeutung gelesen werden kann.
Harcourt, Eubanks und Brayne erklären, warum</em bestimmte Lesarten heute wahrscheinlicher werden als andere.

Encoding/Decoding zeigt, dass Macht in modernen Gesellschaften weniger über Zensur als über Deutung wirkt – und dass Medien nicht entscheiden, was gedacht wird, sondern wie gedacht werden kann.
Encoding/Decoding bleibt ein Schlüsselwerk, weil es zeigt, dass Medienmacht nicht in der Kontrolle von Informationen liegt, sondern in der Strukturierung von Deutungsmöglichkeiten. In einer fragmentierten, algorithmisch vermittelten Öffentlichkeit ist diese Einsicht aktueller denn je. Hall liefert keine Antworten auf mediale Krisen – aber eine Sprache, um sie zu analysieren.

Literatur

  • Hall, Stuart (1973): Encoding and Decoding in the Television Discourse. Birmingham: Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) Working Paper.
  • Hall, Stuart (1980): Encoding/Decoding. In: Hall, Stuart / Hobson, Dorothy / Lowe, Andrew / Willis, Paul (Hg.): Culture, Media, Language. London: Hutchinson, S. 128–138.

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Kategorie: Allgemeine Soziologie Tags: Algorithmische Öffentlichkeit, Cultural Studies, Deutungskämpfe, Diskursanalyse, Encoding Decoding, Fake News, Hegemonie, Ideologie, Kriminalitätsberichterstattung, Lügenpresse, Medien und Kriminalität, Medien und Macht, Medienanalyse, Mediengesellschaft, Medienwirkung, Moral Panic, Öffentlichkeit, Stuart Hall, symbolische Macht

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