The New Jim Crow: Mass Incarceration“Mass Incarceration” bezeichnet die Masseninhaftierung großer Bevölkerungsgruppen, insbesondere in den USA, seit den 1970er Jahren. Es handelt sich um ein Phänomen, das durch hohe Inhaftierungsraten und systematische Ungleichbehandlung marginalisierter Gruppen gekennzeichnet ist. in the Age of Colorblindness ist ein wegweisendes Werk der US-amerikanischen Juristin und Bürgerrechtsaktivistin Michelle Alexander. Veröffentlicht im Jahr 2010, argumentiert das Buch, dass das US-amerikanische Gefängnissystem als zeitgenössisches System einer rassistischen Kastengesellschaft fungiert – eine moderne Fortsetzung früherer Formen der Rassendiskriminierung wie Sklaverei und SegregationDie räumliche, soziale oder wirtschaftliche Trennung von Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Gesellschaft.. Mit eindrucksvoller Recherche und moralischer Klarheit zeigt Alexander auf, wie der sogenannte „War on Drugs“ gezielt Schwarze Communities ins Visier nimmt und Millionen People of Color systematisch entrechtet.
Merkzettel
The New Jim Crow von Michelle Alexander

Miller Center, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Autorin: Michelle Alexander
Titel: The New Jim Crow: Masseninhaftierung in Zeiten der Farblosigkeit
Erstveröffentlichung: 2010
Land: Vereinigte Staaten
Zentrale Konzepte: Rassistische Kastengesellschaft, Masseninhaftierung, farbblinder RassismusRassismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund zugeschriebener „rassischer“ oder ethnischer Merkmale., Drogenkrieg
Der Begriff „Jim Crow“ bezeichnet eine Reihe von Bundesstaaten- und Lokalgesetzen in den USA, die zwischen dem späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts – insbesondere im Süden – eine strikte Rassentrennung durchsetzten. Diese Gesetze institutionalisierten ein System der DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status. und Ausgrenzung Schwarzer Menschen in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Michelle Alexander greift mit dem Begriff „The New Jim Crow“ bewusst auf diese historische Kontinuität zurück: Sie argumentiert, dass die Masseninhaftierung heute eine ähnliche Funktion erfüllt wie die historischen Jim-Crow-Gesetze – nur subtiler, aber nicht weniger wirkmächtig.
Zentrale Argumente
About 1 in 3 black males, 1 in 6 Hispanic males, and 1 in 17 white males are expected to go to prison during their lifetime, if current incarceration rates remain unchanged. (Bonczar, 2003)
Masseninhaftierung als rassistisches Kastensystem: Alexander stellt die These auf, dass das US-amerikanische Strafjustizsystem nicht primär auf Kriminalitätsbekämpfung, sondern auf soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. abzielt – insbesondere von Schwarzen Männern. Wer einmal als Straftäter („felon“) registriert ist, verliert grundlegende Bürgerrechte, wie das Wahlrecht oder den Zugang zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Diese systematische Ausgrenzung wirkt wie eine moderne Form der Rassentrennung.
Drogenkrieg als Instrument sozialer Kontrolle: Obwohl der Konsum von Drogen über ethnische Gruppen hinweg vergleichbar ist, sind Schwarze Menschen deutlich häufiger von Verhaftung, Verurteilung und Gefängnisstrafen betroffen. Alexander zeigt, dass der sogenannte „War on Drugs“ von Beginn an politisch motiviert war und als Vorwand diente, um arme und nicht-weiße Communities repressiv zu kontrollieren. Besonders eklatant war die Diskrepanz in der Strafverfolgung von Crack- vs. Kokainbesitz: Jahrzehntelang wurde Crack – häufiger in Schwarzen Communities verbreitet – bis zu 100-mal härter bestraft als KokainKokain ist ein stark stimulierendes Betäubungsmittel, das aus den Blättern des Kokastrauchs gewonnen wird., das eher von Weißen konsumiert wurde.
Farbblinde IdeologieIdeologie bezeichnet ein System von Vorstellungen, Werten und Deutungen, das gesellschaftliche Verhältnisse erklärt, legitimiert oder kritisiert und dabei häufig Macht- und Herrschaftsverhältnisse stabilisiert.: Ein zentrales Motiv des Buches ist die Kritik an der vermeintlichen „Farbenblindheit“ des Rechtsstaats. Indem institutionell behauptet wird, Hautfarbe spiele keine RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist., wird strukturelle Diskriminierung verschleiert. Diese „colorblindness“ verhindert nicht nur gesellschaftliche Verantwortung, sondern individualisiert soziale Probleme und macht die Betroffenen selbst für ihre Lage verantwortlich.
Langfristige soziale Konsequenzen: Die Folgen eines Strafregisters reichen weit über die Haftzeit hinaus: Wer vorbestraft ist, verliert oft dauerhaft das Wahlrecht, hat erschwerten Zugang zu Bildung, Wohnraum oder Jobs. Diese „zivilen Todesstrafen“ betreffen vor allem Schwarze Männer und tragen zu einer systematischen Reproduktion von Armut und sozialer ExklusionDer Ausschluss von Individuen oder Gruppen aus zentralen gesellschaftlichen Bereichen. bei.
Theoretische Bedeutung
Michelle Alexanders Werk verändert die Perspektive auf Strafe: Weg von der individualisierenden Perspektive auf KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. – hin zu einer Analyse der StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen. als Herrschaftstechnik in einem rassifizierten Sozialstaat. Die Argumentation greift zentrale Motive der kritischen Kriminologie, des Abolitionismus und der Polizeikritik auf und überführt diese in eine machtanalytische Kritik neoliberaler Demokratien.
Glossar: Rassistische Kastengesellschaft
Rassistische Kastengesellschaft: Ein soziales System, in dem Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe dauerhaft einem untergeordneten gesellschaftlichen StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist. zugewiesen werden. Laut Alexander übernimmt die Masseninhaftierung heute diese Funktion für Schwarze US-Amerikaner:innen.
Kritik und Rezeption
The New Jim Crow wurde international rezipiert und avancierte zu einem Standardwerk der kritischen Rassismusforschung. Es beeinflusste nicht nur akademische Debatten, sondern auch soziale Bewegungen wie „Black Lives Matter“. Kritisiert wurde vereinzelt, dass Alexanders Fokus stark auf Schwarzen Männern liege und andere Dimensionen wie GenderGender bezeichnet das soziale Geschlecht und umfasst die kulturellen, sozialen und psychologischen Zuschreibungen, die mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden sind. oder intersektionale Perspektiven weniger berücksichtigt würden. Dennoch bleibt das Werk ein Meilenstein der politischen Strafrechtskritik.
Literatur
- Alexander, M. (2010). The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. New York: The New Press.
- Bonczar, T. P. (2003). Prevalence of Imprisonment in the U.S. Population, 1974–2001. Bureau of Justice Statistics. PDF
- Davis, A. Y. (2003). Are Prisons Obsolete? New York: Seven Stories Press.
- Forman, J. (2017). Locking Up Our Own: Crime and Punishment in Black America. New York: Farrar, Straus and Giroux.
- U.S. Sentencing Commission (2007). Cocaine and Federal Sentencing Policy. PDF
- Wacquant, L. (2009). Punishing the Poor: The Neoliberal Government of Social Insecurity. Durham: Duke University Press.
Video
Michelle Alexander: The New Jim Crow (YouTube)


